Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Moses
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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241 Achad - haam: Moses. 242 Priester selbst lässt sich von der Menge verleiten und macht ihm einen Gott nach seinem Willen, „und er baute ihm einen Altar" ... Er hat auch jetzt wieder die Forderung des Augenblicks erkannt, wie der Priester es stets tut. Der Schmerz des Propheten kennt keine Grenzen. All seine grosse Mühe, die grosse Mission, die* er im Geiste für sein Volk bestimmt hat, seine ganze Hoffnung, die ihn auf seinem harten Wege erhoben hat — alles ist zunichte geworden. Da packt ihn die Verzweiflung, seine Kraft fliegt dahin. „Die Bundestafeln" fallen ihm aus den Händen und zerbrechen, der Glaube an sich selbst und an sein Werk wird in ihm wankend. Jetzt erfährt er, wie schwer es ist, „ein auserwähltes Volk" aus so sprödem Stoff zu schaffen, und einen Augenblick taucht in ihm der Gedanke auf, dieses „hartnäckige Volk" zu verlassen und „seine Tafeln" nur wenigen Männern zu übergeben, die seinem Bunde treu geblieben waren, damit sie seine Lehre bewahren, nach und nach die Besten unter den Menschen sich gewinnen und mit diesen „das grosse Volk" bilden sollen — und er wird dann zu seiner Herde in die Wüste zurückkehren. Aber der Prophet ist kein Priester, dass er sich so leicht vor dem Leben demütigte und seine Werte um seinetwillen änderte. Kaum ist der erste Eindruck verrauscht, da kehrt der Prophet zu seiner Mission zurück und beschliesst, geschehe was da wolle, weiter zu gehen. Jetzt erkennt er, wie schwer die Arbeit ist, die ihm noch bevorsteht. Den Glauben an eine plötzlich alles umwälzende Revolution hat er verloren, jetzt weiss er, dass man durch „Zeichen und Wunder", durch „Erscheinungen Gottes" wohl die Begeisterung für eine kurze Zeit erwecken, aber dadurch kein neues Herz erschaffen, Gefühle und Neigungen nicht von Grund aus ausrotten kann. . . Daher rüstet er sich mit seiner Dulderkraft aus, um noch einmal seine drückende Last zur Menge zu tragen und es allmählich durch langsame Erziehung für seine Mission zu befähigen. So geht die erste Zeit vorüber, der Prophet lehrt und unterweist, duldet und verzeiht, im Innern seines Herzens tröstet ihn seine Hoffnung, dass sein Unterricht in kurzer Zeit Früchte bringen und dass er selbst noch sein Volk im Lande seines Erbbesitzes am Ende seiner Mission sehen wird. Doch — da kommt die Geschichte mit den Kundschaftern! Ein Volk geht, um sich durch seine eigene Kraft ein nationales Land zu erobern und sich durch seinen Geist ein nationales Leben zu schaffen, ein Leben, das den anderen Völkern als Muster dienen soll — da lässt eine schlechte Kunde seine Hände bis zur Verzweiflung erschlaffen und bringt es soweit, der grossen Zukunft den Rücken zu wenden! . . . Solcher Niedrigkeit gegenüber vermag selbst das Herz des Propheten nicht standzuhalten. Da sieht Moses, dass auch seine letzte Hoffnung keinen Grund hat, dass auch die langsame Erziehung einem so niedrigen Volke nicht dazu verhelfen kann, es zum Träger einer grossen Mission auszubilden — und sofort beschliesst der Prophet seinem Geschlechte Vernichtung und bestimmt ihm, vierzig Jahre in der Wüste zu bleiben, „bis diese ganze Generation zu Ende sein wird"; an ihre Stelle wird dann ein neues Geschlecht treten, in Freiheit geboren und erwachsen, und von Jugend an auf den Knien der grossen Lehre erzogen, deren Befolgung und Hütung in seinem Lande in Zukunft seine Aufgabe sein wird. In der grössten Gefahr mutig weiter vorwärts zu schreiten, sich als einzelner einem hundertmal stärkeren Feinde entgegenzuwerfen oder im grössten Sturme mitten ins Meer zu springen — all das erfordert übergewöhnlichen Mut, aber bei weitem grössere Kraft gehört dazu, sich selber bei klarem Bewusstsein eine erhabene Hoffnung aus dem Herzen zu reissen, die die Summe des ganzen Lebens bildete, auf halbem Wege stehen zu bleiben, gerade dann, wenn alle Gefühle brandend zu dem Ziele vorwärts treiben, das einem schier so nah erschien. Solchen Mut hat die jüdische Ueberlieferung an ihrem „höchsten Menschen", dem Meister der Propheten, erkannt und aufgezeigt . . . Umsonst dringen seine Zeitgenossen nachher, ais sie ihre Querköpfigkeit erkannten, in ihn, doch zur Arbeit zurückzukehren und sie in das Land ihres Erbbesitzes zu führen; umsonst rufen sie ihm flehend zu: „Siehe, wir wollen hinaufziehen!", der Prophet hat bereits seinen Entschluss gefasst und davon kann er nicht mehr abgehen; er ist zu der Erkenntnis gekommen, dass „diese böse Gemeinde" nicht ihr Ziel erreichen kann; daher nützt alles Flehen nichts, um dadurch den Propheten wieder zu seiner Wirksamkeit zu veranlassen, die seiner Erkenntnis widersprechen würde. Er trauert mit ihnen und nimmt an ihrem Schmerze teil, aber auf alle flehentlichen Bitten antwortet er nur zornig: „Ihr werdet nicht hinaufziehen, denn Gott ist nicht in Eurer Mitte!" So weilt der Prophet in der Wüste, er begräbt das alte und erzieht ein neues Geschlecht. Ein Jahr vergeht nach dem anderen, er erschlafft und ermattet nicht, das junge Geschlecht, das vor ihm aufwächst, die Lehren der Gerechtigkeit zu lehren, um danach im Lande seiner Zukunft zu herrschen, und ihm immer wieder und wieder aufs neue von seiner grossen Vergangenheit zu erzählen, in der diese Gesetze entstanden sind. Vergangenheit und Zukunft erfüllen-die Seele des Propheten und ergänzen einander, in der Gegenwart sieht er nur „Wüste" ringsum, denn das Leben ist weit davon entfernt, dass seine Seele es ertrüge. Daher sind seine Augen vorwärts und rückwärts gerichtet: er lebt in der Welt der Zukunft, die er mit seinem geistigen Auge schaul, und sucht Kräftigung in den Taten der Vergangenheit, damit aus ihnen diese seine Welt getränkt werde.