Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Moses
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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237 Achad-haam: Moses. 238 „die Stimme Gottes" — die Stimme, die er so gut kennt, ruft aus einem versteckten Winkel seines Herzens zu ihm: „Ich bin der Gott deines Vaters . . . Gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Aegypten . . . Gehe, ich will dich zu Pharao schicken, lühre die Juden, mein Volk, aus Aegypten heraus." „Der Gott seines Vaters" . . . „Das Elend seines Volkes" . . . wie hat er bis jetzt all das vergessen können? Dem Gott der Welt hat er % treu gedient, für die allgemeine Gerechtigkeit hat er wie ein Held gekämpft; in Midian und überall, wo er gewesen ist, hat er sich immer bemüht, den Unterdrückten aus der Hand des Unterdrückers zu befreien, stets hat er Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit gepredigt, — aber den Gott seines Vaters hat er vergessen und nicht seines eigenen Volkes gedacht, und der Druck, unter dem sie in Aegypten ächzten, hat ihn nicht gerührt! --- Da sprosst eine neue Hoffnung im Herzen des Prophetenauf und wird von Augenblick zu Augenblick in ihm stärker. Mit ihr, so fühlt er, nimmt auch seine Kraft wieder zu und wird er noch einmal so stark wie in der Jugend. Jetzt kennt er den Weg zum Ziel, das er sein ganzes Leben erstrebt hat. Bis jetzt hat er seine Kraft unter fremden Menschen vergeudet, in deren Augen er, auch nachdem er schon Jahr, und Tag bei ihnen wohnte, doch noch als Fremdling galt, und sie haben seine Lehre nicht verstanden und nicht beachtet, und wenn er den Namen ihres Gottes anrief, haben sie ihm nicht geglaubt, — jetzt aber geht er zu den Brüdern, den Söhnen seines eigenen Volkes; im Namen des Gottes seiner und ihrer Väter wird er zu ihnen sprechen. Sie werden ihn verstehen und anerkennen, sie werden ihr Ohr seinen Worten zuneigen, sie werden hören und gehorchen, dann wird auch jenes Reich der Gerechtigkeit, das er bis jetzt nur als Traum im Herzen getragen, auf Erden durch dieses sein Volk begründet werden, nachdem er es aus dem Knechteshause befreit hat. Dieser Gedanke ist so gross und umwälzend, dass der Prophet schon im nächsten Augenblick all die Hindernisse vergisst, die noch vor ihm liegen, und sich im Geiste schon in Aegypten inmitten seines Volkes sieht. Zu Pharao wird er nicht allein gehen. Er weiss von vornherein, dass ein Mann wie er, der glattschmeichelnde Rede nicht kennt, nicht dabei Erfolg haben wird, Könige für seine Wünsche einzunehmen. Vor allem aber wird er zu seinem Volke gehen, wird die „Aeltesten Israels" sammeln, deren Namen im Palaste des Königs bekannt sind, ihnen wird er zuerst diese grosse Botschaft verkünden, dass Gott ihrer gedacht hat. Diese Besten des Volkes werden ihn verstehen „und auf seine Stimme hören", und sie werden dann mit ihm zu Pharao gehen und ihm den Beschluss Gottes in der Sprache verkünden, auf die zu hören er gewohnt ist. Aber wenn auch sie, die Aeltesten Israels, „nicht auf seine Stimme hören" sollten, auch sie nicht an sein Reich glauben sollten? Dann — auch dann weiss er, was er zu tun hat. Nicht umsonst ist er in Pharaos Hause auf den Knien von Zauberkünstlern erzogen worden. Aus tiefster Seele hasst er zwar alles Blendwerk, was soll er aber tun, wenn die „Aeltesten Israels" nur an solche Dinge glauben wollen, wenn man nur durch diese ihr Herz sich gewinnen kann? . . . Einst sind „Gottes Söhne" vom Himmel auf die Erde herabgestiegen. So hat auch der Prophet in seinem Leben niedrige Momente, Augenblicke des Verfalls, in denen seine Prophetie sich von ihm entfernt und das Fleischliche in ihm ihn in den Sumpf des Lebens zieht. Trotzdem hört der Prophet keine Minute auf, das zu sein, was er notwendig und gezwungen sein muss: ein Mann der,Wahrheit. Beinahe vielleicht wäre der Gedanke dem Moses aufgestiegen, sich die Gunst der Menge durch Zauberblendwerk zu erkaufen — aber der „Prophet" erwacht in ihm mit all dem Hass gegen das gemeine, niedrige Denken. Nimmermehr wird es geschehen. Seitdem er zum ersten Male „die Stimme Gottes" gehört hat, war ihm die Sprache nur ein Werkzeug des Heiligen gewesen, nur ein äusseres Kleid für eben diese göttliche Stimme in seinem tiefsten Innern, aber „ein Mann der Worte" — ein Mann, dessen WTorte nur ein Hilfsmittel zur Erreichung seiner Wünsche sind, ohne wahrhaft mit dem verknüpft zu sein, was ihn tief in seinem Herzen bewegt — ein solcher Mann der Worte ist er nie gewesen, nicht „seit gestern und ehegestern", und er wird es auch heute und morgen nie werden. Einen so hohen Preis wird er sogar für die Befreiung seines Volkes nicht zahlen. Und sollte es einzig und allein durch Blendwerk dazu gelangen können, dann möge die Erlösung mit Hilfe anderer eintreten, dann wird er lieber allein in der Wüste bleiben und wahr sein: „O, Gott, schicke doch irgend einen andern!" Aber für einen Propheten ist es nicht leicht, in der Wüste zu bleiben. Das Feuer, das in seinem Mark eingeschlossen war, das jetzt schon zur Flamme geworden war und alle Kräfte seiner Seele zur Tat erweckte, dieses Feuer erstickt nicht und gewährt ihm keine Ruhe, bis er seine Gedanken auch in der Tat verwirklicht sieht. Endlich findet der Prophet das, was er will, die Röhre, die seinen Einfluss auf das Volk vermittelt. Er hat einen angesehenen Bruder in Aegypten, aus dem Stamme Levis, der der Zeit und dem Ort entsprechend seine Rede einzurichten vermag. Er wird ihm auch ohne Blendwerk glauben, mit ihm wird er zu den Aeltesten und zum König gehen, und er — der Priester für die Zukunft — wird den Schlüssel zu den Herzen aller finden.