Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Moses
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 235 - 236 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2f35 Achadhaam: Moses. 236 Täter heraus, und sofort bricht der ewige Streit zwischen dem Propheten und dein Leben aus. „Ein Aegypter schlägt einen Juden", — der Mächtige tritt mit stolzem Fuss den Schwachen; das ist das erste Bild, eine Sache, wie sie täglich vorkommt, — da erwacht im Propheten die Bitterkeit, und er steht dem Schwachen bei. Nach und nach erkennt er das Leben immer mehr, und er sieht ein noch betrübenderes Bild: „Zwei Juden hadern miteinander", zwei Brüder, zwei Schwache, beide sind sie Pharaos Knechte — und doch hadern sie und schlagen einer den anderen! . . . Da bäumt sich noch einmal im Herzen des Propheten die Gerechtigkeit auf, und er mischt sich in den Streit, der ihn nichts angeht. Dieses Mal nun muss er erfahren, dass es kein leichtes Ding ist, den Kampf der Gerechtigkeit zu kämpfen, da das Leben stärker als diese ist und der, der gegen dasselbe auftritt, sich selbst in Gefahr begibt. Trotzdem nützt diese Versuchung ihm nichts, dass er etwa von nun an schlau geworden wäre und sich in acht genommen hätte. Der Eifer für die Gerechtigkeit vertreibt ihn aus seinem Heimatlande; und kaum ist er in seinen neuen Wohnort gekommen — noch sitzt er am Brunnen ausserhalb der Stadt, da er noch keinen Bekannten gefunden hat, der ihn in sein Haus aufgenommen hätte —, da hört er schon wieder die beleidigte Stimme der Gerechtigkeit, und sofort eilt er ihr zu Hilfe. Dieses Mal streiten nicht Juden untereinander, sondern Leute von einem Volke, das er nicht kennt, aber was tut das? Ein Prophet unterscheidet nicht zwischen Mensch und Mensch, sondern nur zwischen Gerechten und Frevlern. Er sieht, wie die kräftigen Hirten die schwachen Frauen ihres Rechtes berauben, — „und da stand Moses auf und half ihnen." Das ist alles, was wir aus dem Leben Mosis wissen bis zu dem Augenblick, wo er vor Pharao tritt — und doch war er damals schon „achtzig Jahre alt"! All diese vielen Jahre gelten in den Augen der Tradition nur als nebensächlich mit bezug auf die Ereignisse in ihnen, weil sie nur eine Vorstufe und Vorbereitung für die hauptsächlichste Tat des Propheten waren. Trotzdem hat die Ueberlieferung jene drei Erlebnisse herausgegriffen, die dem Propheten gleich bei seiner ersten Berührung mit dem Leben zustiessen, und wenn wir genau zusehen, bemerken wir, dass alle drei eine gemeinsame Grundtendenz haben: die Begegnung des Propheten mit dem Leben um der Gerechtigkeit willen. Daher sind wir berechtigt zu glauben, dass die Schilderung dieser Begegnung das ist, was die Tradition uns darstellen wollte, um uns zu zeigen, wie der Prophet schon im Beginn seines Werdeganges mit den Grundeigenschaften eines Propheten gekrönt ist; und von hier dürfen wir denn auch auf die anderen Jahre schliessen, dass er auch nachher, in seinen Wanderjahren, nicht aufgehört hat, den Kampf der Gerechtigkeit ohne Unterlass zu kämpfen, bis die Stunde ihn erreichte, da er nicht nur für seine Zeit, sondern für die Ewigkeit der Erlöser seines Volkes und der Lehrer der Menschheit werden sollte. Und die Offenbarung dieser grossen Stunde war in der Wüste, fern vom Getöse des Lebens. Die Seele des Propheten ist schon von dem ewigen Kampf müde geworden, und er will in Ruhe leben. Er verlässt die Menschen und wird ein Schafhirt. Mit seiner Herde zieht er in die Wüste, „und er kam an den Berg Gottes, an den Horeb". Aber auch dort findet er noch keine Ruhe. Er fühlt in seinem Innern, dass er seine Mission noch nicht erfüllt hat — da pocht etwas Geheimes in seinem tiefsten Herzen und spricht zu ihm: „Was tust du hier? Geh und arbeite, geh und kämpfe, denn dazu bist du geschaffen." Er will sich dieser Stimme in ihm verschliessen — aber er kann es nicht. Der Prophet hört „die Stimme Gottes" in seinem Innern, mag er nun wollen oder nicht. „Und ich sprach, ich will nicht darauf achten ..., aber da ward es in mir zu einem lodernden Feuer, eingeschlossen in meinem Mark, ich bin es satt, es länger zu ertragen, und ich vermag's nicht." Da erinnert sich der Prophet, dass auch schon in seiner Jugend, als er zuerst mit dem Leben zusammentraf, dieses Feuer in seinem Innern brannte und ihm keine Ruhe gewährte. Seit damals hat er alles, was in seinen Kräften stand, getan, um der Gerechtigkeit in der Welt zur Herrschaft zu verhelfen — aber das Feuer beruhigte sich nicht. Seine besten Jahre, seine edelsten Kräfte hat der Kampf verzehrt, und doch hat er nicht gesiegt. Jetzt ist er schon ins Greisenalter gekommen, nicht mehr lange, dann wird alles Mark aus ihm weichen, und er wird wie ein dürrer Baum sein, der keine Früchte mehr gibt, wie dieser Dornbusch vor seinen Augen. Ist es möglich, jetzt noch neue Wege zu dem Ziele zu finden und im Alter das zu erreichen, was ihm in der Jugend unmöglich war? Was gibt es, was er noch nicht getan hätte, und warum brennt trotzdem noch immer das Feuer in seinem Innern und scheucht ihn aus seiner Ruhe auf? Da plötzlich hört der Prophet in seinem Innern M. COSCHELL. STUDIE.