Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Moses
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 233 - 234 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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233 Achad-haam: Moses. 234 konzentriert sich gänzlich auf sein Ideal, indem er das Ziel seines Lebens rindet, ihm macht er sein Leben ohne Rast bis ans Ende Untertan. Im Innern seiner Seele trägt er ein abgerundetes ideales Weltbild, und nach diesem möchte er auch die äussere, sinnliche Welt gestaltend formen. Mit Notwendigkeit erkennt er, dass es so sein muss, und das genügt ihm schon, um mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit zu verlangen, dass es so auch in Wirklichkeit sei; er kann keinen Kompromiss annehmen und auf keine vermittelnde Ausgleichung eingehen; mag auch die ganze Welt gegen ihn aufstehen, er wird von seiner zürnenden Strafpredigt nicht ablassen. Aus diesen seinen beiden fundamentalen Charakterzügen folgt ein dritter, der sich aus den ersten beiden zusammensetzt: die absolute Herrschaft der Gerechtigkeit in der Seele des Propheten in Wort und Tat. Da er der Mann der Wahrheit ist, muss er notwendig auch der Mann der Gerechtigkeit sein, denn Gerechtigkeit ist nur die Wahrheit in praxi. Da er weiter der Mann der Extreme ist, kann er die Gerechtigkeit keinem Nebenzwecke Untertan machen, ebensowenig wie er dies mit der Wahrheit zu tun vermochte, er kann sie nicht kürzen, wenn er auch momentan dazu gezwungen würde, oder wenn das Gefühl der Liebe oder des Mitleids sich gegen ihn erhöbe. Die Gerechtigkeit des Propheten ist daher die absolute Gerechtigkeit, die von keiner Seite begrenzt ist, weder von Seiten der sozialen Bedütfnisse noch infolge individueller Neigungen. Da also einerseits der Prophet das Leben seinem geistigen Ideal entsprechend absolut nicht gestalten kann, da er aber andererseits sich unmöglich selbst betrügen und vor sich selber die Fehler der Welt verbergen kann, so wird er nie und nimmer mit der Welt der Gegenwart eins werden können, in der er lebt. Daher liegt auch ein Körnchen Wahrheit in dem Begriff, den die Menge sich vom Propheten gebildet hat, die in ihm nur einen Mann sieht, der die Zukunft vorhersagt; denn in der Tat hat der Prophet in seiner eigenen Welt nur einen Blick für die Zukunft, für das Ende der Tage, in dem Gedanken an diese Zeit erhebt und tröstet er sich von Zeit zu Zeit, wenn der „Kelch der Leiden" gefüllt ist, und er keine Kraft hat, voll Bitterkeit über das Böse zu wettern, das er rings um sich in der Welt sieht. Aber ebensowenig wie der Prophet auf das Leben achtet, wie es in Wirklichkeit zu seiner Zeit ist, so ist das Leben auclr ihm nicht gehorsam, und seine Zeitgenossen nehmen seine geistige Einwirkung nicht auf geradem Wege ohne Vermittelung an, sondern erst, wenn sie durch bestimmte Röhren ihnen zugeführt wird, in denen sie dem Bedürfnis des äusseren Lebens M. COSCHELL. DER SOHN DES WUNDERRABBI. entsprechend präpariert werden, damit die Menschen seine Gedanken verstehen können. Die Röhren nun sind auch Menschen, die allerdings die intellektuelle Höhe eines Propheten nicht erreicht haben und denen sein Extrem fremd ist, die ihm aber geistig doch verwandter sind als die grosse Menge, und die dazu geeignet sind, von ihm bis zu einem bestimmten Grade beeinflusst zu werden. Diese Männer sind die „Priester" des prophetischen Ideals, die zwischen ihm und dem Leben stehen und seine Einwirkung immer den Bedürfnissen entsprechend auf krummen Pfaden leiten, ohne allzu sehr auf ihre Reinheit bedacht zu sein, und ohne ihr wahres Wresen bei dieser Einführung in die praktische Welt immer zu wahren. So stelle ich mir den Propheten in seiner reinen Gestalt vor. Die Grundzüge dieser Gestalt finden wir bei jedem Propheten der Wahrheit, die von den Tagen Hoseas und Arnos' bis Jeremia und Ezechiel in Israel aulstanden, aber mehr als bei ihnen allen ragt diese Gestalt in ihrem ganzen Glänze in eben dem Idealbild des „Meisters der Propheten" hervor. * « * Als Moses aus dem Hause seiner Erziehung auf den Markt des Lebens hinaustritt, begegnet er sofort einer Verletzung der Gerechtigkeit, und ohne sich viel Gedanken zu machen, fordert er auf der Stelle den