Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Moses
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 231 - 232 (sequence 3)
- Language
- German
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pl Achad-haam: Moses. 232 v. dessen Existenz und Wesen ihr zu ergründen sucht, ist nur ein Gegenstand für Gelehrte wie ihr, wir haben einen anderen Moses, unseren Moses, der, dessen Gestalt im Herzen unseres Volkes von Geschlecht zu Geschlecht fest bestimmt ist, und dessen Einwirkung auf unser nationales Leben seit den Tagen der Urzeit bis heute nicht aufgehört hat; die historische Existenz dieses Moses hängt* von euren Untersuchungen gar nicht ab, denn selbst wenn es euch glücken sollte, klar und deutlich zu zeigen, dass der Mensch Moses überhaupt nicht gewesen ist, oder dass er nicht so gewesen ist, würde dadurch die historische Existenz des idealen Moses gar keinen Abbruch erleiden, des Moses, der nicht nur die vierzig Jahre in der Wüste Sinai vor uns einherzog, sondern die tausende Jahre in all den Wüsten uns leitete/ durch die wir seit dem Auszug aus Aegypten gezogen sind.; Und. so wie die Existenz dieses Moses bei mir über allen Zweifel erhaben ist, so ist mir auch sein Wesen vollkommen klar und nicht, danach angetan, auf Grund irgend eines archäologischen^ Fundes verändert-zu werden. Und so sage ich: dieses Ideal ist im Geiste unseres Volkes geschaffen, denn der Schöpfer schafft stets in seinem Ebenbilde. Solche Bilder, in denen, der Volksgeisjt seine inneren-Strömungen verkörpert, bilden'sich in ihm ständig wie von selbst, unbewusst. und .ohne bestimmtes Ziel, und können sich , daher, selbstredend' von fremden Ausschmückungen nicht freihalten. Man darf es daher bei diesen Bildern in den Details nicht so genau nehmen, dass sie alle auf den Grundgedanken hinstrebten, wenn wir aber ihr Gesamtbild betrachten, werden wir darin ständig eben diesen Grundgedanken wiederfinden, um dessentwillen der eigentliche Kern geschaffen wurde, aus dem der ganze Baum entstand. Deswegen übersehe ich mir einmal kurz die ganze Ueberlieferung über Moses und frage mich vor allem: Welches ist der Charakter von Moses?, d. h. von welcher Art ist das nationale Ideal, das sich in Moses verkörpert bat? — Denn das Bild eines Kriegshelden gleicht nicht dem eines Gedankenhelden. — Wenn wir demnach das Bild zu betrachten beginnen, müssen wir vor allen Dingen uns selber darüber klar werden, welches der Charakter des Ideals ist, das der Maler im Geiste vor sich gehabt hat, und das er im Bilde hat malen wollen. Betrachte ich nun das Bild von Moses, so frage ich weiter : Ist er ein Kriegsheld? Nein! Denn in dem ganzen Bilde wird nirgends auf die Kraft seines Armes hingedeutet, wir finden Moses auch kein einziges Mal an der Spitze der Reihen kämpfend und in der Schlacht mit den Feinden Heldentaten verübend. Nur im Kampf mit Amalek sehen wir ihn auf dem Schlachtfeld, aber da übersieht er nur den Gang des Gefechtes und wirkt auf die Kämpfer Israels mit seiner sittlichen Kraft ein, ohne auch mit seinem Körper bei ihnen im Getümmel zu sein. Oder ist er ein Politiker? Nein! Denn gerade da, wo es notwendig ist, vor Pharao zu treten und mit ihm über politische Dinge zu unterhandeln, kommt er ohne die Hilfe seines Bruders Ahron nicht aus, der ihm als „Sprachrohr" dient. Also — ist er ein Gesetzgeber? Auch das nicht! Denn ein ieder Gesetzgeber gibt seinen Zeitgenossen seine Lehre in Uebereinstimmung mit ihren Lebensbedürfnissen in der Zeit und an dem Orte, an dem er und sie leben, Moses aber schafft Gesetze für die Zukunft, für eine Generation, die noch gar nicht da ist, und für ein Land, das noch gar nicht erobert ist, und die Tradition hat uns nicht verhehlt, dass manche der Gesetze, die dem Moses zugeschrieben werden, erst viele Geschlechter später wirksam wurden, und dass manche niemals im Leben praktisch angewandt wurden. Was ist also Moses? Die Tradition wusste das und hat es uns mit klaren Worten im Anschluss an den bekannten Vers mitgeteilt: Und es stand in Tsrael nie mehr ein Prophet wie Moses auf. „Ein Prophet ist Moses", aber nicht ein Prophet wie die anderen, deren physische Existenz sich in unserem Volke in ihrer wahren Forin nur in der Königszeit offenbarte, sondern der „Meister der Propheten", wie man Moses in späteren Zeiten nannte, d. h. der Idealtypus der israelitischen Propheten in ihrer lautersten und höchsten Bedeutung. Wenn ich mir jetzt einmal kurz all das überdenke, was ich aus der Lektüre und infolge eigenen Nachdenkens als das Wesen der jüdischen Prophetie erkannt habe, und wenn ich alles auf diese Grundsätze zurückführe, so ergeben sich für den Propheten zwei fundamentale Charakterzüge, durch die er sich von den anderen Menschen unterscheidet. 1. Der Prophet ist der Mann der Wahrheit, er sieht das Leben so, wie es ist, und nimmt seine Eindrücke ohne selbstsüchtige Neigungen auf, und er erzählt das, was er sieht, genau so, wie er es sieht, ohne Nebenabsichten. Er erzählt die Wahrheit, nicht weil er es so will, nicht, weil er gefunden hat, dass er verpflichtet ist, das zu tun, sondern weil es ihn notwendig dazu treibt, weil das eben der seinem Geiste eigentümliche Grundzug ist, eine Eigenschaft, von der er sich schlechterdings nicht emanzipieren kann, selbst wenn er es wollte. Daher hat Carlyle mit Recht gesagt: Ein jeder Mensch kann die Stufe des Propheten in Ansehung der Wahrheit erreichen, aber während ein gewöhnlicher Mensch diese Eigenschaft mittels eines starken Willens und grosser Anstrengung nur erreichen kann, kann der Prcphet eben gar nicht anders sein, weil das der Grundzug seiner Natur ist. 2. Der Prophet ist der Mann der Extreme. Er