Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. Seite 223 - 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
Die Situation im Zionismus
Date
1904-04-01
Page
Seite 223 - 224 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583923-2590014--03807-2590065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

223 Elias Auerbach: Die Situation im Zionismus. 224 man Misstrauen. Dann aber misstraue ich auch dessen Ehrlichkeit, der diese Kritik an Herzl übt, dann ist ein weiteres Zusammenarbeiten unmöglich, dann haben wir den Krieg aller gegen alle. Treu und Glauben ist das oberste Gesetz jeder gemeinsamen Arbeit. Wer sie untergräbt, muss unnachsichtlich aus unserer Bewegung entfernt werden. Gewiss, wir wollen nicht alles beschönigen, was die zionistische Parteileitung tut. Es werden Fehler gemacht, und die Klagen, die laut wurden, sind nicht immer aus der Luft gegriffen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass das Verhältnis des grossen Aktionskomitees zur Bewegung und zu Dr. Herzl kein gedeihliches ist — das haben die Vorgänge der Charkower Konferenz deutlich gezeigt. Sollte in der Bank die Aufsichtsmethode nicht eine zweckdienliche sein, so wird auch hier Wandel geschaffen werden müssen. Eine sehr wichtige Frage ist die augenblickliche Arbeit des Zionismus in Palästina. Sie ist eine der tiefsten Ursachen für die Unzufriedenheit und das Misstrauen gegen die Parteileitung. Aber es ist die heikelste Frage, darum Vorsicht! In vielen und gerade den besten alten Arbeitern des Zionismus rollt noch das Blut der Chowewe Zion, zu stark ist noch in ihnen der Gedanke der Kolonisation um jeden Preis, als Selbstzweck. Demgegenüber haben wir an dem leitenden Gedanken des ersten Kongresses und des politischen Zionismus überhaupt, an dem grossen Gedanken Theodor Herzls unerschütterlich festzuhalten: Vor Erlangung der politischen Garantien ist die Kolonisierung grosser jüdischer Massen in Palästina eine Unmöglichkeit, mindestens eine schwere Gefährdung unseres Endzieles, die kleine Kolonisation ein teures, nicht unbedenkliches Experiment von zweifelhaftem Nutzen. — Sollen wir also die Hände in den Schoss legen? So ist es nicht gemeint, und wir werden der Parteileitung den Tadel nicht ersparen, dass sie in Palästina so gut wie gar nichts getan hat. Bisher hatten wir aber nutzlose Palästinakommissionen; gerade seit dem 6. Kongress haben wir keinen Grund, zu klagen. Die Kommission geht mit Eiter und Sachkenntnis an ihre Arbeit. Die Errichtung von Versuchsstationen wird eine wahrhaft zweckdienliche Tätigkeit sein. Die Beschickung der Kolonisation mit palästinensisch - jüdischem Menschenmaterial ist eine notwendige und unendlich lohnende Aufgabe. Die Bildung von Produktivgenossenschaften mit Unterstützung der Anglo-Palestine Company muss in die Hand genommen werden. Und gerade in diesem Zusammenhange halten wir uns für verpflichtet, mit allem Nachdruck die herrliche Anregung der Kommission, Vo 1 k s do m än e n in Palästina vomGute des Nationalfonds anzulegen, warm zu empfehlen. Aufgabe jedes wahren Palästinazionisten muss es sein, zu verhindern, dass diese Kommission von irgend einer Seite her in ihrer Arbeit gehindert wird. Rechnet man den mit alledem notwendig verbundenen Ankauf von Land durch den Nationalfond hinzu, dann haben wir eine Fülle praktischer Arbeit in Palästina. Wer aber einfach zum alten Kolonisationsstandpunkt zurückkehrt, als wäre der politische Zionismus nie gewesen, wie es Nossig tut und etliche verzweifelnde Ostafrikagegner, der bricht das Baseler Programm. Darum Vorsicht! * * * Was tut man nun, um seine Forderungen an die Parteileitung durchzusetzen? Man weckt Verständnis für sie, man agitiert tür sie, man schafft sich die Majorität, man vertritt sie nachdrücklich im A.-C. und im Kongress selbst gegen die Meinung der Parteileitung, nur eins darf man nicht machen—die Charkower Konferenz. Die Charkower Konferenz! Es hat gar keinen Zweck, sie zu verdammen oder sie nur disziplinarisch zu bestrafen, denn damit schafft man sie nicht aus der Welt. Ihre Gründe muss man suchen und ihre sachlichen Beschwerden prüfen. Das habe ich redlich getan, und darum glaube ich ein Recht zu haben, sie ohne Scharfmacherei zu verurteilen. Die Form und die Tendenz, mit der sie zusammentrat, war ein Bruch der zionistischen Verfassung, für den nur die unüberlegte Aufgeregtheit ein Milderungsgrund sein kann. Ihre Teilnehmer durften eine Sitzung des Aktionskomitees, ja einen ausserordentlichen Kongress erzwingen, aber nicht auf eigene Faust richten und ein Ultimatum an Herzl vorbereiten. Und inhaltlich hat sie denselben Fehler begangen wie Nossig, nämlich die Diskussion ihrer Forderungen für den loyal Denkenden, vor allem aber für Herzl, unmöglich gemacht. Ihr Verlangen, dass Herzl quasi schriftlich erklären solle, er sei und bleibe Palästina- Zionist, ist eine persönliche Beleidigung nach Herzls Reden in Basel. Wenn man ihm da nicht glaubte, warum sollte man ihm hier glauben? In der Tat hat ein Teilnehmer der Konferenz in Berlin zu äussern gewagt, auch wenn Herzl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.