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Ost und West · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. Seite 225 - 226

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
Die Situation im Zionismus
Date
1904-04-01
Page
Seite 225 - 226 (sequence 5)
Language
German
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225 Elias Auerbach: Die Situation im Zionismus. 226 darein willige, müsse man in Zukunft sehr vorsichtig sein. Dahin führt Misstrauen. . Das aber ist nicht der Weg. Eine gesunde und treue Opposition, wo sie not tut! Aber wir müssen, zur Führung der Bewegung Vertrauen haben und durch unsere Handlungen bekunden. Und die Führung der zionistischen Bewegung verdient das höchste Vertrauen. * * * Wie lassen sich geordnete Verhältnisse wiederherstellen? Es ist nicht wahrscheinlich, dass das A. C. nach dieser argen Differenz in seiner Mitte weiter in der jetzigen Zusammensetzung wird gedeihlich arbeiten können. BiszumKongresswird sich der Riss vielleicht verkleistern lassen, dann aber muss Wandel geschaffen werden. Ein blosser Personenwechsel hat keinen Sinn, die Missstände liegen im System. Es ist bisher der Fehler begangen worden, dass man einfach die wackeren Organisatoren. der einzelnen Länder ins grosse A. C. setzte. So finden wir in ihm eine Reihe glänzender Agitationsredner, aber ein politischer Beirat der Parteileitung konnte es gar nicht sein. Darum ist es selbst schuld an seiner Vernachlässigung in politisch wichtigen Fragen. Der Grundgedanke der Neuordnung muss der sein, dass es entweder fähig sein muss, eine politisch mitberatende Körperschaft zu sein, oder aber es muss nach Art eines Ministerkollegiums die verschiedenen Ressorts vertreten (Organisation, Erziehung, Agitation, Palästinaarbeit, Bank, Nationalfonds usw.). Welche dieser Möglichkeiten vorzuziehen ist, kann erst nach sorgfältiger Erwägung entschieden werden. Den Weg zur endgültigen Versöhnung der Gegensätze werden wir am Schlüsse andeuten. * * * Nun endlich zur Hauptfrage: Wie hat sich der Zionismus seit dem sechsten Kongress im Innern entwickelt? Nach der ausführlichen Auseinandersetzung der Strebungen und Reibungen bedarf es nur eines rasch orientierenden Ueberblickes. Auf den früheren Kongressen waren Fragen der Methodik und der Taktik der Gegenstand der Kontroverse, diesmal die prinzipielle Frage: Palästina oder ein anderes Land als Heimat der Juden? Das Ergebnis ist schon jetzt nicht zweifelhaft: ein kolossales Erstarken des Palästinagedankens. Niemals hat in den Reihen des Zionismus eine solche Palästinafreudigkeit bestanden wie jetzt. Aber auch darüber kann kein Zweifel sein, dass das feste Vertrauen zu unserem Führer bei der grossen Mehrheit geblieben ist. Die Opposition Charkower Färbung ist isoliert. Aber wir möchten sie nicht missen, wenn es weiter an die Arbeit geht, denn es sind mit unsere besten Kräfte. Wir verwechseln sie auch nicht mit unseren Gegnern, deren Ziel die Spaltung unserer Bewegung ist. Nicht eine Spaltung des Zionismus hat das Ostafrikaprojekt hervorgebracht, sondern einen neuen, festeren Zusammenschluss im Hinblick aur Palästina. Nur eine winzige Gruppe der „Terr^ torialisten" hat sich in Russland vom Ganzen abgelöst, eine Gruppe, die den Schwerpunkt aui die Heimstätte legt und andere Länder im praktischen Falle Palästina gleichsetzt. In den Ländern des Westens war die Gefahr eines philanthropischen Zionismus weit grösser als im Osten. Wir wollen es ruhig gestehen — denn rücksichtslose Offenheit ist die Vorbedingung des Vertrauens —, dass auf dem Kongress und nachher von „Führern" des Zionismus in Deutschland und anderswo Dinge gesagt worden sind, die sich schlecht mit nationalem und palästinensischem Zionismus vertragen. Diese Männer tragen einen Teil der Schuld an dem tiefen Misstrauen der östlichen Zionisten gegen die westlichen. Aber doch ist dieses Misstrauen ungerecht, denn es trifft den Unschuldigen wie den Schuldigen. Auch hier steht es nicht so, wie man drüben denkt. Wir Zionisten der scharfen nationalen Tonart sind eifrig an der Arbeit, und auch in Deutschland kann so leicht nicht mehr eine Agitationsrede gehalten werden, die nur an das Mitleid und den Beutel appelliert. Das Misstrauen gegen die westeuropäischen Juden, ein Ueberrest der Zersplitterung und Entfremdung des Golus, ist die Quelle alles Uebels. Es muss beseitigt werden. Zur neuen Brücke zwischen Ost und West bieten wir die Hand, und die Zukunft des jüdischen Volkes verlangt, dass sie ohne Rückhalt angenommen wird. Alle einzelnen Schwierigkeiten werden wir leicht lösen, wenn wir nur den Willen haben, Brüder zu sein. * * * Zum Frieden erhebe ich meine Stimme. Wenn der Streit mit einem wahren Frieden endigt, dann war er segensreich. Denn er hat uns die goldene Einigkeit erst recht schätzen gelehrt, und nichts wird uns so bald trennen, wenn wir uns jetzt finden. Aber reisst das Misstrauen aus Euren Herzen!

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