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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 207 - 208

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Delilas Tanz
Date
1904-03-01
Page
Seite 207 - 208 (sequence 3)
Language
German
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Richard Huldschiner: Delilas Tanz. 208 „Was täuschest du rni'ch, o Herr, zum siebentenmal? Was starrst du mich so seltsam an mit Augen, die nicht sehen, mit Augen, die wie Strahlen sind, von einer Schwertesklinge über die Feinde blitzend?'4 „Ich lache nicht . , * . ich warte nur . . . . einmal werde ich es dir sagen, einmal werde ich es dir sagen müssen. Denn du bist schön, Gabiroth-Blume. — — Tanze mir, dann sollst du alles wissen: tanze mir den Tanz, den eure Mädchen tanzen, wenn Aschera, die glühend Blickende, sie zur Raserei getrieben, tanze mir den heissen Tanz, der in verschwiegenen Tempeln über den Leibern geschlachteter Sklaven von «erzenen Schilden widerhallt, tanze mir den rasenden Reigen, der wie Blut und Feuer ist und Mädchenopfer heischt! Du bist schön, Gabiroth- Blume, schwer von Düften wie die Sommernacht und heiss von Gluten wie die Sonne, die aus •den Nebeln der Wüste emporsteigt: du bist schön -wie die grüne schillernde Schlange, die das Tal Berath umschliesst; ich trinke deinen Atem und sterbe . . Ihre Schleier warf sie von sich. Stück um Stück, die Ringe löste sie von Armen und Beinen, klirrende Kettchen von Gold und weisse Perlenbänder, die Locken befreite sie aus blitzender Spangen Haft. Die rote Glut des Feuers übergoss sie mit purpurnem Hauche, und wie ein ,Bild von Stein stand sie plötzlich da, hoch aufgerichtet, mit bebenden Gelenken, zart und fein, wie ein junger Baum im Frühling, über den die ersten warmen Winde lockend dahinziehen. s.Die Sterne neigten sich herab, auf allen Wiesen verstummten die Zikaden, leise murmelten die Wasser des Sorekbaches, und Delila fing an zu tanzen . . . Wer sah das Wehen der Palmenwälder, ohne zu frohlocken? Wer sah die langgezogenen Wellen des Meeres rauschen, sich türmen und vergehen, ohne im Innersten zu zittern? Wer sah den Sturm in Löwenmähnen wühlen, - ohne des Endes zu gedenken, das kommen muss? Wer sah, wie in der Schlacht die eiserne Wehr die Köpfe mähte, wer sah den Todesreiter über gefallene L Leiber stürmen und . hätte nicht die Arme flehend erhoben? Also tanzte Delila. Durch das rote Dunkel des dämmernden Gemaches schritt im leise wiegenden Tanz ihr weisser Leib; die langen Wimpern deckten das rätselvolle Auge; dann hob sie sich leicht auf ihren schlanken Zehen, verschränkte die Arme hinter dem Nacken, stand wie ein Fels so still und wie eine Säule so weiss; ihr Mund, leise geöffnet, lachte in grausam-lüsternem Schweigen, ein Sehnen war es und Warten, ein Bitten und Versprechen, fast unhörbar klirrten die goldenen Schildchen ihrer Brüste .... Dann brach wie ein Sturmwind der Taumel ihres Tanzes los. Durch den Dämmerdunst des Weihrauchnebels flogen die weissen Glieder, schnell in rasendem Jubelrhythmus, wie schillernde Libellen, die an Sommerabenden über grünen Waldwiesen kosend umeinander schwirren, weiss wie wirbelnder Schnee auf den Höhen des Libanon; bald hierhin, bald dorthin ergoss sich der brausende Strom ihres Tanzes, wie das Wasserstürzen der Bäche im Asamon-Gebirge; ein Schleier wallte aut und schwand, ein Lockenstrom formte seltsame, schnell wieder verschwindende Gebilde in der heissen Luft; irrelichternd bald hier, bald dort starrten zwei grosse Augen durch rötlich dampfende Wolken, ein leises Klirren und weich verhallendes Stampfen schallte zu den Purpurdecken der Säulen empor. Also tanzte Delila. Und wie der Taumel stieg und stieg, war es, als ob eine weisse, geschmeidige Schlange, Hadacha zum Preis, um Säulen und Bilder sich wand. Ein rasender Sturmwind hatte das Weib erfasst, der sie um trieb wie fallendes Laub im Herbst. Und nur manchmal, wenn die jähe, wirbelnde Bewegung einen Augenblick zu ermatten schien, einen kurzen Augenblick, kürzer als das Schlagen schwerer Wimpern über tränenfeuchten Wangen, sah man einen lächelnden Mund, wie zur Frage geöffnet, und rote Lippen die von grausamer Lust erbebten. Also tanzte Delila. Und plötzlich, mitten heraus aus rasendstem Wirbel, brach sie tödlich erschöpft in Simsons Schoss zusammen: ihie Arme schlangen sich kraftlos um seinen Leib, und mit einem letzten, lechzenden Atemzuge kam von ihren Lippen die stammelnde Frage: „Sage mir doch, warum du so stark bist, und womit man dich fesseln rnüsste, um dich zu bezwingen?" Er aber erblasste, ein trauriges Lächeln glitt über sein Antlitz, und die grossen, von den mächtigen Brauen weit überschatteten Augen verloren allen Glanz. Er bettete mit müder Gebärde sein Haupt an ihrer Brust, atmete tief, be-

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