Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Delilas Tanz
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 209 - 210 (sequence 4)
- Language
- German
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209 Richard Huldschiner: Delilas Tanz. 210 siegt von dem immer erneuten Kampf, und sagte mit leiser, unerschütterter Stimme: „Ich bin ein •Gottgeweihter vom Mutterleibe an, und auf mein Haupt ist noch kein Schermesser gekommen; würde ich beschoren, so wäre meine Kraft dahin; ich würde schwach und wie ein anderer Mensch." Eine tiefe Stille folgte: leise, leise atmete Delila, den trunkenen Blick auf das von Dämmerlicht umflossene Bild der Göttin, der wollüstig Grausamen, geheftet; leise, leise atmete Delila, •aber Simson schloss die Augen. Und siehe, ein .goldenes Schermesser blitzte in gieriger Hand, und eine Locke nach der anderen fiel dahin von «einem schlaf befangenen Haupte. Und als die letzte auf purpurnem Teppich ihren schwarzen .Schlangenkreis geringelt, da dröhnte aus den Tiefen der Erde ein leises Klirren; ein Rauschen zog sich über dem Hause zusammen, die Flamme auf dem Dache neigte sich wie vor einem Sturmwind und zerstob. „Auf, auf, du Starker! Die Philister sind über dir!" Ein Schrei, ein Jubelruf aus endlich erlöster Seele, ein kurzer Kampf und ein Lachen, das wie aus Höllentiefen kommt. „Simson, du Starker, wo ist deine Kraft? Wo ist deine Löwenpranke? Simson, du Starker, nun bist du schwach und wie ein anderer Mensch. Simson, du Starker, lass' mich deine Augen küssen." Und mit goldener Nadel stach sie lachend ihm die Augen aus.-- LITERARISCHES, APHORISMEN. Die neuere jüdische Literatur ist arm an Palästinabeschreibungen. Man wird das begreifen. Für die Leute von der „mosaischen Konfession" war Zion und Palästina immer eine schmerzliche Erinnerung, die nicht nur aus dem Gebetbuche herausgerissen werden musste! Seit dem Erscheinen von Ludwig August Frankls „Nach Jerusalem" sind fast 50 Jahre verflossen. Sie sind nicht spurlos an diesem einst mit Kecht gerühmten Buche vorübergegangen: Es ist doch recht runzelig geworden. Auch das Werk von Willi Bambus: „Palästina, Land und Leute", das in einer grossen zeitlichen und noch viel grösseren inhaltlichen Distanz erschien, ist ohne Bedeutunggewesen. Die DarstellungdesReisenden, der sich durch seine Tätigkeit für palästinensische Juden recht grosse Verdienste gemacht hat, beschränkt sich auf die jüdischen Kolonieen. Sie ist kalt und nüchtern geschrieben, gibt ohne jede künstlerische Verarbeitung auch hier vorzugsweise nur Tatsachenmaterial, das recht objektiv zusammengefasst zu sein scheint, aber von der Kritik als zwar „zweckmässig", jedoch stark retouchiert erwiesen wurde. Erst durch die grossen organisatorischen und politischen Arbeiten Theodor Herzls ist Palästina in seiner aktuellnationalen Bedeutung für die Juden erkannt worden. Sein rastloses und stilles Wirken hat die segensvolle Wandelung gebracht — dass der kleine Kreis der „Liebhaber Zions* .von den Hunderttausenden abgelöst wurde, denen Palästina Avieder Inhalt und Weihe ihrer Arbeit, ihres Lebens geworden. Auf seine Anregung hat Leo 3Jotzkin unsern Besitzstand im Ahnenland aufgenommen („Die Juden in Palästina*")und in seiner Kritik der bestehenden Verhältnisse die Richtigkeit in dem Leitmotiv von Herzls Arbeit erwiesen, dass Liebhaberei und Wohltätigkeit, Bestechung und Schmuggelei keine Basis für unsern Zukunftsbau schaffen können, sondern dass unser Werk, *) U. Schildberger 1898. ELIAS GÜNZBURG. AUS DER SCHULE.