Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Delilas Tanz
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 205 - 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Richard Huldschiner: Delilas Tanz. 206 wartend auf einem niedrigen Schemel sass. Da erscholl ferner, starker Gesang. Ein fröhlich tinbekümmertes Marschlied war es, ein Schwertlied, ein Siegeslied. Und wie es mählich näher kam, erblasste Delila. Das Feuer aber auf dem Dache des Hauses, von kundigen Händen genährt, schwoll funkensprühend empor, reckte und dehnte sich und brannte dann still und gerade, wie glühender Stahl, zum Himmel auf. „Delila, Blume du auf den Wiesen des Sorekbaches, Ambraduftende, mein Herz schlägt deinem entgegen. Sieh diesen schimmernden Stein. Ich sah ihn in den Klüften des Berges Rabah und brach ihn mit meiner Hand." „Herr, ich neige das Haupt und küsse deine starke Hand." „Delila, Blume du im Haine Timnath, Rätselvolle, deine Wimpern sind wie Sammet, der den Wangen wohltut. Ich ging durch das Tal, das zum Meere hinzieht, und dachte an dich. Und ich streckte meine x\rme aus, schleuderte Felsen empor und türmte einen Hügel auf von Steinen. Dir zum Zeichen, dass ich dich Hebe." „Herr, du bist stark wie Dagon, der Allzerschmetternde. Herr, du trügest eichene Tore auf die Spitze des Berges, der Hebron gegenüberliegt, du türmtest Städte auf Städte. Du bist der Löwe, der brüllend durch die Wüste zieht ELIAS GÜNZBURG. VORSICHT. und unter den Hirten Schrecken verbreitet. Und ich, ich liebe dich." „Delila, scheue Hindin, die du in meinen Armen bebst, sage, was kann ich tun, um dir zu danken, dass du schön bist?" „Du weisst es, Herr ..." Aber Simson lachte und vergrub sein Haupt im Schosse des zitternden Weibes. „Du weisst es, Herr .... sage mir doch, worauf es beruht, dass du so stark bist und womit man dich fesseln müsste, um dich zu bezwingen?" Simson lag ruhig da und sah zu ihrem Gesicht auf, das sich bleich und mit scheu wartenden Augen über ihn neigte. Es war ganz still geworden. Der Weihrauch duftete, und roter Schein wehte in das dämmrige Gemach herab; aber die Augen des Marmorbildes der Göttin, der Unersättlichen, starrten aus Teppichdunkel und Weihrauchnebeln feurig glühend und finster drohend, martervoll kalt und lauernden Hohnes voll. Ein zischender Ton glitt leise durch das Gemach, nur von Delila vernommen, und wieder ward alles still und wartete. Es war, als ob selbst die Fliesen des Marmorbodens, die rohen Blöcke der sieben Säulen, die das Dach zu tragen hatten, die schweren Kupferlampen an den Wänden horchen wollten und warten. „Sage mir, worauf es beruht, dass du so stark bist, und womit man dich fesseln müsste, um dich zu bezwingen." Und leise kam es von Simsons Lippen: „Zwei deiner Locken, deiner kleinsten Locken, um meine Arme geschlungen, machten mich schwach, und ich wäre wie ein anderer Mensch." Da band sie ihn mit ihren Locken, beugte sich zu ihm und küsste seinen Mund. Ihr Herz klopfte wie ein Hammer, und ein Zittern ging durch ihre schlanken Glieder, wie wenn der Abendwind durch Birkenstämmchen ziehet, die am Bache stehen. Er sah ihr starr ins Antlitz mit einem seltsam verlorenen Blick und rührte sich nicht. Da rief sie plötzlich: „Auf, du Starker!' Die Philister sind über dir." Aus den Tiefen der Erde dröhnte ein leises Klirren, ein Rauschen zog sieh über dem Hause zusammen, die Flamme auf dem Dache neigte sich wie vor einem Sturmwind. Aber schon fuhr Simson lächelnd empor und streifte die ringelnden Lockenbande von seinen Armen. Und alles, ward wieder still wie zuvor.