Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 187 - 188

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Die physikalischen Prozesse in der Bildrede des Alten Testaments
Date
1904-03-01
Page
Seite 187 - 188 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583922-2589889--03745-2589968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

18*7 Prof. Dr. theol. et phil. Aug. Wünsche: Die physikalischen Prozesse in der Bildrede des Alten Testaments. 188 und Sturm keine selbständigen Naturvorgänge, sondern sie stehen mit Jahve in Verbindung. Bald wird der Wind als der Odem Jahves betrachtet, der aus seinem Munde hervorfährt (Hi. 21, 18; 37, 2; Jes. 40, 7; Ps. 103, 16; Jer. 13, 24; Hos. 13, 15), bald als das Schnauben seiner Nase (Ps. 18, 16, vergl. 2. Sam. 22, 16; Hi. 9, 17), bald als das Gefährt, dessen sich Jahve bedient. Uebrigens dachte man sich den Wind in Schläuchen aufbewahrt, die, wenn er hervorbrechen soll, Jahve öffnet (Jes. 29, 6; Ps. 144, 6). Die verderblichste Wirkung übt in Palästina der Ost- und Südostwind aus, der aus heissen, wasserlosen Gegenden kommt, oft tagelang anhält und sich zeitweilig bis zu Sturmesgewalt steigert. Durch den feinen Sand, den er massenhaft mit sich führt, erhält der Himmel ein gelblich düsteres Gewand, die Sonne verliert ihren Strahlenglanz und erscheint wie eine rauchende Feuerkugel. Sein Gluthauch trocknet Quellen und Bäche aus, und die Vegetation fällt ihm zum Opfer. Die üppigen Fluren mit ihrem frischen Graswuchs und den herrlichen Blumengewächsen versengen und haben das Aussehen, als wenn ein Feuerbrand über sie hingegangen wäre. Traurig ist es, wenn dieser Wind in die Saaten trifft vor der Zeit der Reife, alle Hoffnung auf eine Ernte ist dadurch vernichtet. Ebenso grossen Schaden fügt der Wind dem Weinbau zu. Das Laub der Reben verdorrt und zerfällt in Staub, die schwellende Frucht schrumpft zusammen und vertrocknet. Auch die Menschen leiden unter dem Einfluss des Windes, ihre Kräfte erschlaffen, und sie fühlen sich aufs höchste abgespannt. Da die Dichter die verheerenden Wirkungen des Ostwindes aus eigener Anschauung kannten, so tragen ihre Schilderungen die lebhaftesten Farben. Das zeigt sich auch in der Bildersprache. Wegen des Ungestüms und der Schnelligkeit, mit welcher der Ostwind über die Gefilde braust, wird er das Sinnbild leidenschaftlicher Heftigkeit. Hiob schildert das ungestüme Herandrängen seiner Feinde unter dem Bilde eines heftigen Windes. Sie setzen gleich dem Winde meinem Adel nach. (Hi. 30, 15.) Mit dem schnell über das Land brausenden Sturmwind vergleicht Jeremia das Fahren der feindlichen Kriegswagen Nebukadnezars. Siehe,.....wie der Sturmwind sind seine Wagen. (Jer. 4, 13.) Die Schnelligkeit des Sichdrehens der Räder der assyrischen Streitwagen kommt Jesaia vor wie die rasch über das Land sich hinwälzende Windsbraut. Und seine Räder sind der Windsbraut gleich. (Jes. 5, 28.) Jahve, der wie ein Krieger auf seinem Streitwagen daherkommt zum Gericht über die Abtrünnigen vom Tempeldienste, gleicht im dritten Jesaia einer Windsbraut. Denn siehe, Jahve wird im Feuer kommen, und gleich der Windsbraut sind seine Wagen. (Jes. 66, 15.) An dem Ostwinde versinnbildlichen die Propheten die Schrecken des göttlichen Strafgerichts. Jahve droht in einer solchen Gerichtsverkündigung bei Jeremia dem unbussfertigen Volk: Wie durch Ostwind werde ich sie vor dem Feinde her zerstreuen. (Jer. 18, 17, vergl. Matth. 7, 25 u. Sirach 22, 19.) An einer anderen Stelle kündigt Jeremia dem Reiche Juda das göttliche Strafgericht unter dem Bilde eines heftigen und nie versengenden Windes an. In jener Zeit wird von Jerusalem und von diesem Volke gesagt werden: Ein strahlender Wind auf kahlen Höhen in der Wüste ist der Weg der Tochter meines Volkes, nicht geeignet zum Worfeln und zum Reinigen. Ein voller Wind kommt mir von diesen her. (Das. 4, 11, 12.) Eine ähnliche Drohung erhebt Hosea gegen Ephraim wegen seiner Sünde: Es wird kommen der Ost, der Wind Jahves, von der Wüste sich erhebend, und vertrocknen wird sein Brunnen und versiegen seine Quelle. (Hos. 13; 15.) In der Schlussrede an seine Gegner vergleicht Hiob den plötzlichen Untergang der Frevler mit der verheerenden und alles mit sich fortreissenden Windsbraut und dem versengenden und ausdorrenden Ostwind. Während der Nacht entführt ihn die Windsbraut; Es erhebt ihn der Ostwind und trägt ihn fort Und stürmt ihn hinweg von seinem Orte. (Hi. 27, 206 u. 21.) Auf dasselbe Bild stossen wir in den Sprüchen. Sowie daherfährt die Windsbraut, Ist der Frevler nicht mehr. (Spr. 10, 25.) Die personifizierte Weisheit droht als Unwetter und Windsbraut über alle diejenigen hereinzubrechen, die sie verschmäht haben. Weil ich gerufen und. ihr euch geweigert, Ausgestreckt meine Hand und niemand darauf gemerkt, Und ihr unbefolgt gelassen all meinen Rat, Und meine Zurechtweisung ihr nicht gewollt, So werde auch ich über euer Unglück lachen, Werde spotten, wenn hereinbricht über euch Schrecken, Wenn hereinbricht wie ein Unwetter euer Schrecken, Und euer Unglück einer Windsbraut gleich dahinschreitet, Wenn kommt über euch Angst und Bewegung. (Das. 1, 24—27.) Unter der verheerenden und fortreissenden Gewalt des Ostwindes erscheinen im dritten Jesaia die Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.