Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Elias Jacowlewitsch Günzburg
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 165 - 166 (sequence 3)
- Language
- German
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165 Lothar Brieger-Wasservogel: Elias?Jacowlewitsch Günzburg. 166 ELIAS GÜNZBURG. IM VERSTECK. Israels und an die feine, faltige Greisenhand, die man gerne küssen möchte für all das Schöne, das sie uns geschenkt. Hier ist ein Jude, der mit zitternd tiefem Fühlen an seinem Volke hängt, mit Schmerz und mit Sehnsucht. Seine Gestalten sind des Judentumes bis zum Ueberfliessen voll. Es blickt aus ihren Augen, es bebt in jedem Nerv ihres Körpers. Aber auch Israels ist kein national - jüdischer Künstler. Er wirkt nicht jüdisch dadurch, dass etwa bei ihm wie bei Ury das Jüdische seiner Seele Technik wurde, sondern er sucht es auf dem Wege des Gegenständlichen, des Stoffes. So sind denn seine herrlichen Schöpfungen die Krone westeuropäischer Kunst der Gegenwart, aber sie sind nicht nur jüdisch. Ury hat fast nie jüdische Motive gewählt. Es wäre mir unangenehm, wenn ein Leser aus dem bisher Gesagten den Eindruck empfänge, dass ich einen Künstler nicht nach seinen Leistungen werte, sondern nach dem, was daran jüdisch ist. Nichts liegt gerade mir ferner. Ich möchte nur gern klar machen, dass ein jüdischer Künstler nur der zu nennen wäre, der einen wirklich jüdischen Stil besässe. Günzburg ist von Ury wie von Israels — alle künstlerischen Gradunterschiede ganz unberücksichtigt — gleich weit entfernt. Seine Stoffe sind allgemeiner Natur, seine Typen haben nichts Jüdisches an sich. Seine Technik ist durchaus das, was wir mit einem gewissen Tadel „akademisch" zu nennen pflegen. Absolut unpersönlich, eignet sie sich trefflich zur Ausführung objektiv aufgefasster Dinge. Er hat von dem, was ihm sein grosser Lehrer Antokolski brachte, eigentlich nur das für sich genommen, was er eben auch von jedem anderen hätte lernen können. Die Grösse, welche in Antokolskis Kopfe Iwans des Grausamen steckt, hat ihn durchaus nicht beeinflusst. Ueberhaupt kann gegenüber seinem Schaffen von besonders zum Ausdruck kommenden Einflüssen anderer wohl nur in sehr beschränktem Masse die Rede sein. Es ist vielmehr die gute althergebrachte Technik, die jeder Bildhauer besitzt, der wie Günzburg von Hause aus ein allerdings recht bedeutendes Talent mitbringt und dazu noch mit ausserordentlichem Fleisse was recht Tüchtiges gelernt hat. Nun lässt sich nicht bestreiten, dass diese Technik bei Günzburg eine grosse Höhe erreicht hat und zu völliger Abrundung gelangt ist. Damit ist natürlich viel zu erreichen. Stärker aber ist der Nachteil, dass solche Technik, weil sie alle fremden und bereichernden Elemente resolut von sich stösst, nie über sich selbst hinaus gelangen kann, absolut nicht entwickelungsfähig ist. Günzburg hat schon vor 10 Jahren gekonnt, was er heute kann, und wird in 10 Jahren auch nichts anderes können. Stofflich kann er sich noch in verschiedenster Weise häuten, künstlerisch wird er stets der gleiche bleiben. Wir erleben ja in Deutschland seit etwa drei Jahren ELIAS GÜNZBURG. AM WASSER.