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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 163 - 164

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Elias Jacowlewitsch Günzburg
Date
1904-03-01
Page
Seite 163 - 164 (sequence 2)
Language
German
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163 Lothar Brieger-Wasservogel: Elias Jacowlewitsch Günzburg. 164 kommenes Wortspiel. Jedes Künstlerwerk ist grossen Stiles, wenn es in seiner Eigenart vollkommen ist, eine Seite der Haggada ebensogut wie Antokolskis Iwan. Wahr ist indessen, dass man in Malerei und Plastik bis jetzt von einem national-jüdischen Stile nicht reden kann, höchstens von westeuropäischen Stilen jüdischen Gepräges. Wen aber kann das wundern? Oder ist das ein Grund, an der Möglichkeit einer nationaljüdischen Malerei und Plastik zu zweifeln? Eine nationale Kunst erfordert doch als erste Grundlage, dass eine Nation da ist, eine Nation in gesicherten nationalen Verhältnissen. Unser Nationalgefühl allein macht es nicht. Keineswegs mangelt das künstlerische Können, das im Gegenteil zu keinen Zeiten bei den Juden so gross war wie heutzutage. Lasst uns nur wieder ein Volk werden, und ihr sollt sehen, wie wenig uns bildnerische Grösse mangeln wird! Da, wo man auf den Charakter der alten Zeichner zurückgreifen kann, wird diese Grösse* nicht mehr lange fehlen. Auf den Gebieten der Malerei und Plastik aber sind unsere Künstler — man wird das nach dem vorher Gesagten begreifen — nur Übergangserscheinungen. Auch Pilichowski ist nicht mehr, auch Antokolski nicht. Eine Ausnahme ist nur der grosse Einsame, Lesser Ury, der wie ein Titan in die Zukunft weist und sie vorwegnehmend, verkannt und unverstanden, eine national-jüdische Malerei schafft. So ist auch der Bildhauer, von dessen Werken „Ost und West" heute seinen Lesern Abbildungen bietet, nur als Uebergangserscheinung zu bewerten. Ihm fehlt die Grösse, wohl auch der ungestüme Drang dazu, das Verlangen, etwas zu bieten, was in seiner Art einzig, oder wie die moderne Phrase will, „originell" ist. Die Eigenart mangelt selbst den Kleinigkeiten, der Technik, kurz, wir haben nicht den Eindruck, einer überragenden Persönlichkeit gegenüberzustehen, die uns schöpferkräftig ' ihren Willen, ihr Empfinden aufzwingt. Dieser einen, ' ELIAS GÜNZBURG. freilich wichtigsten Einschränkung gegenüber-, steht dann wieder vieles, was manchen von uns gewiss den Künstler liebgewinnen lässt Er steht dem Beschauenden näher, als es eine grosse künstlerische Individualität tun würde. Sein Bestes leistet er dort, wo er dem Alltag schlichte Motive entnimmt, die er mit einer höchst anerkennenswerten technischen Geschicklichkeit in ansprechender Form darzubieten versteht. Ein sympathischer Künstler, liegt ihm alles fern, was über den Kreis des Gewohnten in Unruhe drohender Weise hinausgehen möchte. Er besitzt eine ausserordentlich weise Erkenntnis des Kreises, über den ihm sein künstlerisches Vermögen hinauszugehen nicht erlaubt. Wir haben vor seinen Werken die Empfindung, als plauderten wir mit einem guten Freunde, der die gleichen Gefühle hat wie wir, und mit dem wir uns aufs beste vertragen können. Günzburg ist einer von den Künstlern, die bei dem Laien niemals Anstoss erregen, weil er selbst — ich hoffe, man versteht mich recht — geistig ein Laie ist. Seine Kunst geht — seelisch wie technisch — allen Problemen sorgfältig aus dem Wege. Einen liebenswürdigen Künstler möchte ich ihn nennen, einen Menschen mit feinem Gefühl für das Reizende und Hübsche des Alltagsiebens, das offenbar seinem Fühlen die Feiertagsstimmung und seinem Schaffen das seelische Fundament verleiht. Sein Hübsches wird niemals schön, sein Hässliches hingegen beinahe hübsch. Ein sorgfältiges Vermeiden aller Extreme, alles Leidenschaftlichen, die Seele Aufwühlenden charakterisiert sein Schaffen. Er vermeidet die heftigen Bewegungen, so die Muskeln des Antlitzes und des Körpers verzerren. Aber er vermeidet auch die absolute Ruhe, welche die reinste Schönheit des Leibes ist. Alles wird lieblich. Günzburg ist weder Hellene noch Moderner. Am allerwenigsten aber kann man ihn einen jüdischen Künstler nennen, sondern höchstens einen Künstler jüdischer Abstammung. Ich denke just an den alten Josef TOLSTOI.

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