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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 157 - 158

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Das jüdische Volkslied
Date
1904-03-01
Page
Seite 157 - 158 (sequence 5)
Language
German
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157 Bar-Ami: Das jüdische Volkslied. 158 Spruches nicht bewusst, der darin liegt, dass man Volkslieder „verfasst" — oder besser, sie wollten in ihrer Unbeholfenheit nur ausdrücken, sie dichteten ihre Lieder für das Volk. Es rinden sich darunter übrigens wahre Perlen echter, hoher Poesie, um nur die herrliche Sammlung von Gordons Balladen und Romanzen, oder die Gedichte von Abrahamowicz und Goldfaden zu nennen. Allein so sehr diese Lieder in glücklichster Weise den Volkston treffen (im übrigen aber weit hoch über das Niveau des Volksliedes hinausragen), dürfen sie aber so wenig zu den Volksliedern gerechnet werden, wie etwa die entsprechenden Gedichte von Goethe oder Heine. Wieners Verzeichnis ist übrigens unvollständig, es fehlen darin die prächtigen Lieder von Beirach Schafir ebenso wie 6 Bände Gedichte von Wolf Ehrenkranz, die eine unvergleichliche Volkstümlichkeit erlangt haben, überall, soweit die jüdische Sprache klingt, nach eigenen Weisen und auch schon in vielen Varianten gesungen werden, ohne dass man vom Namen des Verfassers eine Ahnung hat. (Einzelne Bruchstücke der Ehrenkranzschen Lieder finden sich in manchem Volkslied der besprochenen Sammlung eingestreut.) Aber — diese Bücher rinden sich nicht im Asiatischen Museum. Quod non est in actis, non est in mundo. Ein weiterer sehr fühlbarer Mangel des Buches, der aber aus der Methode des Sammeins entspringt, besteht in der Unsicherheit und Fehlerhaftigkeit der Texte. Viele Lieder sind unvollständig, zusammengehörige Teile liegen oft weit auseinandergesprengt, dafür finden sich sehr oft Verse, ja ganze Strophen in Liedern eingestreut, in die sie nicht hineingehören. Da die Herausgeber sich nicht unmittelbar an die breiten Volksmassen, sondern zunächst an die Gebildeten wandten, so gingen sie im Grunde an der eigentlichen Hauptquelle vorbei und schöpften sozusagen aus zweiter Hand. Jeder dieser gebildeten Herren und Damen konnte wohl ein oder zwei, höchstens zehn Liedchen auswendig, die er in der Kindheit singen hörte, vielleicht gar selber sang, aber das war schon lange her, wäre nicht dieser seltene Anlass, man hätte diese Dinge bald ganz aus dem Gedächtnis verloren. Von einer lebendigen, sprudelnden Erinnerung kann hier äusserst selten die Rede sein — das weiss jeder, der sich je mit dem Sammeln von Volksliedern, Sagen, Sprichwörtern befasst hat, nur zu gut. Die Einsendungen mussten also notwendig mitunter verworrene und unvollständige Texte enthalten, die Herausgeber aber konnten sich natürlich nicht mit mühseliger Textvergleichung und -Wiederherstellung abgeben, was übrigens bei der nicht allzu grossen Ausdehnung des Materials wenig gefruchtet hätte. Damit hängt wohl auch die schwankende und verworrene Orthographie zusammen, die sich manchmal sehr störend bemerkbar macht. Aber ungleich störender wirkt die dem in hebräischen Lettern gedruckten Text beigegebene Transskription in lateinischen Buchstaben. Man fragt sich unwillkürlich, wem zuliebe stehen hier diese unverständlichen lateinischen Kolonnen, die das Buch auf mehr als den doppelten Umfang als nötig war, gebracht und es unnützerweise verteuert haben? Es wäre wohl verdienstlich, wenigstens eine Auswahl jüdischer Volkslieder in eine der europäischen Hauptsprachen zu übersetzen, aber eine Transskription — wem soll diese frommen? Wem die Ursprache fremd ist, dem bleibt die Transskription natürlich ein Buch mit sieben Siegeln, wer aber der jüdischen Sprache derart mächtig ist, dass er die genuinen und urwüchsigen Wendungen eines Volksliedes verstehen kann, sollte diesem das hebräische Alphabet, das binnen 24 Stunden mit leichter Mühe erlernt ist, dermassen fremd sein, dass er einer lateinischen Transskription bedürfte? Es ist wohl anzunehmen, dass mancher nichtjüdische Germanist oder Folklorist aus wissenschaftlichem Interesse das jüdische Idiom erlernt, um seine Forschungen auch auf dieses Gebiet ausdehnen zu können, allein solche Männer haben gewiss die geringe Mühe nicht gescheut, sich die Kenntnis der hebräischen Schrift anzueignen, sie bedürfen also der Transskription nicht, die ihnen auch keinerlei Dienste zu leisten vermöchte. Freilich gibt es, namentlich unter der jüngeren Generation, manche „Gebildete", die die Sprache ihrer Umgebung noch nicht ganz verlernt haben, aber infolge ihrer „höheren Kultur" des hebräischen Alphabets nicht mehr kundig sind, die das Jüdische also noch einigermassen verstehen, aber nicht imstande sind, einen jüdischen Text zu lesen. Allein derartige Analphabeten (seltsame „Früchte der Aufklärung!") finden sich gottlob nur unter den „gebildeten" Klassen; insofern sie ernstlich den Wunsch hegen, sich mit der Denk- und Gefühlsweise von Millionen ihres Volkes vermittels seiner Volkslieder bekannt zu machen, dürfte ihnen das geringe Opfer, das freventlich Vernachlässigte nachzuholen und sich die Kenntnis des hebräischen Alphabetes anzueignen, nicht schwer fallen. Die Transskription könnte also höchstens nur solchen dienen, die zum Spass mal nachsehen wollen, was „diese Juden" dort unten in den dunklen Niederungen singen und sagen. Lohnt es sich wohl, um die Gunst dieses Publikums zu werben? Diese Transskription hat schliesslich für das Gefühl eines Juden etwas förmlich Verletzendes. Das hebräische Alphabet ist ja am Ende nicht die Schrift der Zigeuner oder eines afrikanischen Negerstammes, dass ein in ihr gedrucktes Buch der Umschreibung in ein zivilisiertes Alphabet bedürfte. Tausende von höchstgebildeten, sogar nichtjüdischen Europäern lesen und schreiben in diesem Alphabet geläufig; an jeder europäischen Universität wird diese Schrift gelehrt. Herr S. Ginsburg selbst steht an der Spitze eines in dieser Schrift (in jüdischer Sprache) herausgegebenen Tageblattes („Der Freund" in Petersburg), welches wohl zu den verbreitetsten Tages-

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