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Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. Seite 155 - 156

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Das jüdische Volkslied
Date
1904-03-01
Page
Seite 155 - 156 (sequence 4)
Language
German
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155 Bar-Ami: Das jüdische Volkslied. 156. Andererseits hat die einseitige aufklärerische Richtung der modernen hebräischen und zum Teil auch der jüdischen Literatur eine arge Verwahrlosung des jüdischen Volkstums und seiner poetischen Hervorbringungen verschuldet. Die Literatur trat der „dunklen^ unwissenden und verdummten" Masse als erhabene Lehrmeisterin gegenüber, um sie -„aus der Finsternis des Aberglaubens ans Licht der Aufklärung zu ziehen Es wäre eine Beleidigung gewesen^ ihr zuzumuten, von eben dieser dunklen Masse etwas zu lernen. Alles was volkstümlich war^ roch nach Aberglauben und musste mit aller Energie bekämpft und verhöhnt werden. Echte Dichter spannten ihren Pegasus in das Joch dieser Tendenz. Daher kam es, dass das jüdische Volkslied und die jüdische Sage, so viele Schätze wahrer Poesie sie auch bergen, auch von dieser Seite unbeachtet geblieben und auf die Entwickelung der modernen hebräischen Dichtung von fast gar keiner Bedeutung gewesen sind. Aber nun kommt es doch anders* Ausserhalb der offiziell geaichten jüdischen "Wissenschaft, der der Kontakt mit dem Fühlen der Gegenwart, das Verständnis für die lebendige "Wirklichkeit immer mehr verloren zu gehen droht, regt sich das geistige Interesse und der Schaffensdrang immer lebhafter. Andererseits haben sich die literarischen Strömungen innerhalb der jüngeren Generation von der einseitigen aufklärerischen Tendenz emanzipiert und ringen nach einer allseitigen, objektiven Erfassung und Darstellung des wirklichen Lebens in allen seinen Aeusserungsformen. Diese Bestrebungen kommen auch dem jüdischen Volkstum zugute, und ihnen verdanken wir auch die in Rede stehende erste Sammlung jüdischer Volkslieder. Man muss jedoch dieses Buch nur als einen Anfang betrachten, als einen auf breiter Basis unternommenen Versuch, der als Ansporn für eine weitere Sammlertätigkeit dienen solle. Wirfinden in dem stattlichen Band 376 Nummern, selbständige, grössere und kleinere Lieder und deren zahlreiche Varianten miteingerechnet Die Herausgeber haben das Material nicht der Form, sondern dem Inhalte nach in elf Abteilungen gruppiert; also Lieder religiösen und nationalen Inhaltes, historische Lieder, Wiegenlieder, Kinder- und Schullieder, Liebeslieder, Lieder von Männern und Frauen, Soldatenlieder und so weiter. Wir haben hier ein Material beisammen, welches kulturhistorisch, volkspsychologisch und sprachlich von höchster Wichtigkeit ist. Leider fehlen die Weisen, nach denen die Lieder gesungen werden. Dieser Mangel ist äusserst bedauerlich, denn ebenso wie die Liedertexte, ja vielleicht noch mehr als diese, verdienen die jüdischen Volksmelodien vor dem Untergang bewahrt zu werden. Hieraus kann man jedoch den Herausgebern keinen Vorwurf machen. Die Sammlung kam nämlich auf folgende Weise zustande. Die Herausgeber erliessen im „Woschod", dem weitverbreiteten Organ der russischen Juden, eine Aufforderung an die Leser, ihnen die in ihren Gegenden gesungenen Lieder einzusenden. Das Publikum kam dieser Aufforderung gern nach; aus allen Gegenden Russlands wurden Lieder eingesandt, manches Liedchen kam in verschiedenen Varianten aus weit voneinander entfernten Gegenden. Nun ist aber die musikalische Bildung, besonders die Schulung zur Aufnahme und Niederschrift von Melodien, sehr wenig verbreitet. Dem Herausgeber stand also das musikalische Material nicht zur Verfügung. Der Kenner jüdischen Volkstums, insbesondere des jüdischen Volksliedes, wird an dem Buch nach Anlage und Ausführung vielerlei auszusetzen haben. Es steht zu hoffen, dass dieser Sammlung andere folgen werden, wir wollen daher auf die Fehler dieser einen Sammlung —-■ die, weil sie der ersten anhaften, nur zu sehr verzeihlich sind — aufmerksam machen, damit sie in den zu erhoffenden ferneren vermieden werden. Schon der Titel enthält eine Unrichtigkeit: „Jüdische Volkslieder aus Russland". Nun kennt Schreiber dieser Zeilen eine etwa 1200 Nummern umfassende handschriftliche Sammlung jüdischer Volkslieder, die aus Galizien, der Bukowina und zum Teil aus Rumänien stammen, in der sich gute vier Fürftel aller in dem vorliegenden Buche enthaltenen Lieder finden! Richtig ist also, dass diese Lieder in ihrer weitaus überwiegenden Mehrzahl Gemeingut aller sog. „polnischen Juden" sind, d. h. der Juden, die innerhalb der Grenzen der ehemaligen Republik Polen-Litauen wohnten, von dort sich nach Süden und dem Inneren Russlands, nach Rumänien usw. verbreitet haben und noch heute durch die gemeinsame Volkssprache, das „Jüdische" (geringschätzig „Jargon" geschimpft), zu einer folkloristischen Einheit verbunden sind. Sogar Lieder, die auf lokal-historische Ereignisse sich beziehen, sind nicht selten weit hinaus über .die Grenzen ihrer Ursprungsgegend verbreitet, was bei dem regen Verkehr unter der jüdischen Bevölkerung nicht verwunderlich ist. Jetzt schon kann man bemerken, das z. B* Verse und Strophen über Kischinew in Galizien umherflattern. Vollends die Gemarken Russlands bilden keineswegs eine folkloristische Scheidegrenze. — Ueberflüssig und irreführend ist ferner das zum Schluss von dem rühmlich bekannten Bibliographen S. Wiener beigefügte, an sich sehr wertvolle bibliographische Verzeichnis „von Liedersammlungen in der jüdischen, Umgangssprache, die sich im Asiatischen Museum der Kais. Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg befinden." Der Leser macht grosse Augen: Da wird ihm die erste Sammlung jüdischer Volkslieder dargeboten, und hinterher findet er auf 14 Seiten ein Verzeichnis von Büchern, die offenbar auch Volksliedersammlungen enthalten wollen. Und in der Tat, viele dieser Titel lauten: „Jüdische Volkslieder, verfasst von Kotler" oder „Neue jüdische Volkslieder, verfasst von Salomon Schmulewicz" usw. Diese „Dichter" waren sich in ihrer Naivität, des Wider-

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