Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Das jüdische Volkslied
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 159 - 160 (sequence 6)
- Language
- German
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159 Bar-Ami: Das jüdische Volkslied. 160 blättern in Europa gerechnet werden darf. Dieses Blatt, das noch kein volles Jahr besteht, zählt bereits an die 30 000 Abonnenten, was — wie jeder Kenner der Verhältnisse weiss — einer Leserzahl von 600000 entspricht. Dabei ist das keineswegs ein auf die Sensationslüsternheit oder ähnliche niedrige Masseninstinkte spekulierendes Organ, sondern es behandelt in einem im besten Sinne populären Stil ernste Fragen des sozialen Lebens, der Wissenschaft und der Politik, die dort dargebotene Belletristik darf .kühnlich als vornehm und höchst geschmackvoll bezeichnet werden. Und trotzdem soll ein in der Schrift dieser Hunderttausenden von Lesern gedrucktes Buch der Transskription in lateinischen Lettern bedürfen! Allein jeder Versuch einer solchen Umschreibung ist ein Unding — und gerade das beweist die vorliegende Transskription am schlagendsten. Nur naive Unwissenheit kann nämlich glauben, dass der „Jargon" lediglich ein verdorbenes Kauderwälsch sei, das die fremdsprachlichen Elemente wie absichtlich verstümmle und verdrehe. Für jeden, der sich mit sprachwissenschaftlichen Problemen beschäftigt und dem Jüdischen einige Aufmerksamkeit gewidmet hat, ist es klar, dass er es hier mit dem Produkt einer nach den allgemeinen Naturgesetzen der Sprachbildung — von denen ja die Juden nicht ausgenommen sind — vor sich gegangenen EntWickelung zu tun hat. Das Mittelhochdeutsch, aus dem das Jüdische hervorgegangen, unterlag in der Absonderung der Juden, unter dem Einfluss des Hebräischen (und nachher in Polen auch des Slawischen) einer notwendigen und gesetzmässigen phonetischen Abwandlung. Aber je mehr sich die Sprache räumlich von ihrer Urheimat entfernte, desto tiefer war die lautliche Umbildung. Daher zerfällt heute das Jüdische — abgesehen von mehreren provinziellen Verschiedenheiten, unter denen die podolisch-bessarabische die umfangreichste ist — in zwei Hauptdialekte: den polnischen und den litauischen, die hauptsächlich in bezug auf den Lautklang untereinander divergieren. Hier aber ist die Divergenz bisweilen so gross, dass eine Verständigung recht schwer wird. So lautet das ü im Munde des Litauers noch immer ■ß, im Munde des polnischen Juden aber schon i (Fßs Tis; zü zi), den ei-Laut spricht ersterer wie ai aus, letzterer aber wie ä (sain s^n); das au so wie das lange ö (welchem ein leises ß nachklingt, und welches im Munde der deutschen Juden wie au lautet: Thaiirö) spricht der polnische Jude wie oi aus, während "der litauische dafür einen Laut hat, der zwischen ei und ö die Mitte hält und durch kein lateinisches Schriftzeichen wiedergegeben werden kann. Dagegen sind die von altersher für die einzelnen Laute gebräuchlichen hebräischen Schriftzeichen für beide Aussprachen stets dieselben gewesen. Während also jeder jüdische Text in dem Gewände der hebräischen Schrift für den polnischen wie füYden litauischen Juden gleichmässig verständlich ist, muss er in einer lateinischen Transkription für den einen oder für den anderen fremdartig oder gar unverständlich werden. In der Tat haben die Herausgeber, die, Litauer von Geburt, den Text in ihrem heimischen Dialekt transkribiert haben, ihre Umschreibung für einen polnischen Juden stellenweise nahezu unverständlich gemacht. Wörter wie „Teire", „teig", .,Brert* versteht der polnische Jude einfach nicht, während er sie im hebräischen Texte sofort als sein „Toire", „toig", „Broit" erkennt. Wollte man allen Anforderungen gerecht werden, so bliebe nichts übrig, als eine zweifache Transskription zu liefern!. Dabei habe ich nur eines der vielen Hindernisse berührt, die einer halbwegs korrekten und brauchbaren Umschreibung im Wege stehen! Trotz aller dieser — für einen ersten Versuch übrigens unumgänglicher — Mängel wird man nicht ohne tiefgefühlten Dank an die Herausgeber für ihre fleissige und mühevolle Arbeit von diesem Buch scheiden. Möge es den Anstoss zu einer planmässigen und eifervollen Sammlertätigkeit in den weitesten Kreisen der Gebildeten geben. Es wäre höchste Zeit, dass man mit Ernst daran gehe, das jüdische Volkslied und die jüdische Volksweise vor dem ihnen unvermeidlich drohenden Untergange zu retten. In jeder Stadt Russlands und Galiziens müsste ein Kreis von gebildeten Männer und Frauen zusammentreten, um, unmittelbar aus dem Munde des Volkes schöpfend, die Texte der Volkslieder festzuhalten, dabei dürfte aber die Melodie keineswegs vernachlässigt werden, denn ein Volkslied ohne die dazu gehörige Volksweise gleicht einem Körper ohne Seele. Der Sieg. Du sollst in Demut dienen deinem ßerrn, Der deine Seele täglich neu erschafft. Dein Kiesen steig', ein 'Jubelhlang, zu ihm, Und Hiebe sei die Krone deiner Kraft. Du sollst in Hiebe wandeln deine Cage, 6s sei Gebet in aller deiner Cat. Du wirst in Demut deines Schicksals harren, Du bist des früblings segensjunge Saat. ernst piüller.