Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Der Strike der Schnorrer
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 141 - 142 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583921-2589791--03690-2589855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
141 M. Speet®r: Der Strike der Schnorrer. 142 auf sie los, und es gab eine niedliche kleine Schlägerei. AwromMoische, der lange Gannef, der auf der Fuhre stand, reckte sich in die Höhe und schrie : „Stille! Scha! Schal Stille! ruhig! elende Krüppel! Man versteht kein Wort. Hört, was Menschen reden!" Und er wandte sich zu uns mit folgender Ansprache: „Ihr sollt wissen, liebe Brüder, dass wir uns nicht vom Fleck rühren werden, wenn nicht jeder einen Rubel bekommt. Wir haben keine Angst. Reb Jizchak - Eisik wird ohne uns nicht die Hochzeit seiner jüngsten Tochter feiern. Und wo soll er jetzt arme Leute herbekommen? Nach Linetz wird er nicht fahren. Das wird ihm teurer zu stehen kommen. Mehr Fuhrlohn, und dazu muss die Hochzeit noch verlegt werden." ,,Was meint Ihr?: Wir sind arme Leute, und darum könnt Ihr mit uns machen, was Ihr wollt?" schrie da ein anderer Revolutionär und kletterte auf das Rad des Wagens. (Auf einem Auge war er blind und um das Kinn trug er einen dreckigen Lappen.) „Zum Mitfahren kann uns keiner zwingen, nicht mal der Polizeimeister oder der Gouverneur. Jedem einen Rubel, sonst nicht!" „R . . . R . . . Ru . . . Rubel/4 meckerte ein stotternder Schnorrer. „Nubel" — rief der mit der platten Nase. „Ein Rubel! Ein Rubel!*' schrieen hopsend zwei fröhliche Schnorrer. Und dann im lauten Chore heulte die ganze Bande: „Rubel her! Rubel!" . . . Ja! In ihrem Schreien, in ihrem Reden lag soviel Verbitterung und Trotz. Und es schien, als ob sie all ihre bittere Galle verspritzten, die sich in ihrem traurigen, verjammerten Leben angehäuft hatte. Ihr ganzes Leben lang hatten sie geschwiegen — schweigen müssen, und für einen Groschen, den man ihnen zuwarf, oder für ein Stückchen Brot, für einen abgeknabberten Knochen mussten sie so viele Beleidigung hinunterschlucken. Das war das erste Mal, dass sie ihrem gequälten Herzen Luft schaffen konnten, das erste Mal in ihrem Leben. Und sie schwelgten in dem Vergnügen der Satten (von den Reichen nicht zu reden), die ihren Aerger loslassen gegen ihre Dienstboten — Launen der Herrschaft. Mit dem Worte „Rubel" wollten sie das erste Mal ihr ewig verzweifeltes, verdrossenes, verletztes Schnorrerherz befreien. Zum ersten Mal hatten sie das stolze Bewusstsein, dass satte, glückliche Menschen zu ihnen kommen mussten, einmal! Und sie wollten dieses stolze Siegergefühl auskosten.----—--- --Und wie wir so verhandelten, kam ein neuer Bote von Reb Jizchak-Eisik, dass die Schnorrer bald kommen sollten. Jeder würde seinen Rubel bekommen. Da entstand ein wilder, lauter Aufruhr. Die drei Wagen waren bald mit den Schnorrern besetzt. Der eine schrie: „Meine kranke Hand!" Der andere: „Mein Fuss!" Und jener: „Meine zerbrochenen Beine!" Aber die fröhlichen Schnorrer sprangen und sangen. Die Gäule wurden angespannt, und voll Lust und Leben fuhr man fort. Aber das Lumpengesindel schrie ihnen höhnisch „hurra, hurra" nach, und unter Quietschen und Pfeifen warfen sie Steine hinter ihnen drein. Aber den Schnorrern schien's, als ob sie mit Blumen bestreut würden und liebliche Musik sie begleite. So glücklich fühlten sie sich jetzt ob ihres Sieges. Das erste Mal und . . . vielleicht das letzte Mal in ihrem Leben sprachen sie heute mit lauter Stimme; denn sie hatten erreicht, was sie gewollt. * * * Nach der Chuppe, nach der „goldenen" Suppe, richtete man für die Gäste die Tische und besondere Tische für die armen Leuf. Reb Jizchak Eisik bediente allein mit seinen eigenen Hausleuten die Schnorrer und brachte ihnen zu essen und zu trinken. „L'chajim, Reb Jizchak-Eisik! Ihr sollt Freude von Euren Kindern haben und ein Millionär werden!" wünschten die armen Leute. „L'chajim, l'chajim! Juden! Trinkt in Gesundheit! Der liebe Gott soll ganz Israel helfen und damit auch Euch!" antwortete Reb Jizchak. Nach dem Mahle spielten die Musikanten, und Reb Jizchak tanzte mit den Schnorrern einen fröhlichen Hopser und einen Ringel tanz. Und niemals war Reb Jizchak glücklicher in seinem Leben. Er tollte mitten im Ringeltanz, und die langen Schösse seines seidenen Rockes flogen wie zwei Adlerflügel. Und die Augen leuchteten im Glänze der Freudentränen, und hoch über den siebenten Himmel flogen seine Gedanken. F2r lachte und weinte wie ein kleines Kind. Und immer wieder war er bei den armen Leuten und halste und küsste sie. „Brüder!" rief er tanzend. „Wir wollen