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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 139 - 140

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Der Strike der Schnorrer
Date
1904-02-01
Page
Seite 139 - 140 (sequence 3)
Language
German
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139 M. Spector: Der Strike der Schnorrer. 140 teuer geworden?4' rief Reb Jizchak-Eisik mit bitterem Gelächter. „Und warum hast Du denn die Wagen dort zurückgelassen? Wir werden ohne die Schnorrer auskommen!!" „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich habe Angst gehabt, Ihr werdet auf mich schimpfen, aber ich will die Wagen jetzt schnell holen." „Warf noch ein bischen, es eilt nicht. Wir haben noch Zeit/4 Und Reb Jizchak-Eisik fing an mit den Gästen zu verhandeln — und mit sich allein. ,,Was soll das heissen? Wo hat man das aut der Welt gehört? Arme Leut' sollen mir mit Bedingungen kommen, mit mir deswegen handeln, weil sie bei mir gut essen und trinken sollen und weil ich jedem noch ein gutes Geschenk geben will! — Ich muss jedem einen Rubel geben? Sonst können sie nicht bestehen? Haha! Wenn ich zwei Gulden unter sie verteilen werde, lohnt siclrs wohl nicht? Sie haben so grosse Auslagen darauf? Solch eine Schnorrerfrechheit! Ich werde schon ohne sie auskommen. — Klessmers, Musikanten, spielt einLiedel! Wo ist der Schammes? Man kann die Braut schon „bedecken." Aber bald winkte er wieder ab. „Wartet noch ein bischen! Es ist doch noch zu früh. . . . Was hab ich getan, dass man mir meine Freude zerstören will? Soll ich wirklich für meine jüngste Tochter eine Hochzeit ausrichten ohne eine Mahlzeit für die armen Leut'? Ich würde jedem einen halben Rubel geben. Ueberhaupt, aufs Geld kommt's mir nicht an. Aber was heisst das, mit mir zu handeln? . . . Schliesslich: ich habe meine Pflicht getan. Wollen sie nicht - nun dann nicht. Es wird ihnen schon leid tun: solch eine Hochzeit werden sie nicht alle Tage haben. Wir werden auch ohne sie fertig werden." Der Schammes kam und fragte: „Nun, kann man die Braut schon „bedecken?" „Ja, man kann's schon . . . Aber nein, wir wollen noch ein bisschen warten." Die Gäste wurden allmählich unruhig und meinten, man solle einfach auf die Schnorrer verzichten. Da schoss Reb Jizchak-Eisik ein neuer Gedanke durch den Kopf. Sein Gesicht nahm plötzlich einen entschlossenen Ausdruck an. Seine Wut war verflogen, und er wandte sich mit einer Bitte an mich und an noch ein paar Freunde unter den Gästen, wir sollten mit ihm ins Städtchen fahren und die armen Leut' nun doch zu überreden suchen. „Er hat überhaupt keinen Verstand. Man kann sich in nichts auf ihn verlassen," sagte er und wies ärgerlich auf den Meschores. Ein Wagen wurde schnell angespannt, und wir fuhrenflott zu. Chaskel, der Meschores, kroch wieder auf seinen Gaul und ritt hinter uns drein. Den ganzen Weg mussten wir über die wunderliche Verschwörung lachen: ein Bund von Schnorrern. Wie gefällt euch das? Ich habe schon mal von einem Strike von Arbeitern gehört, die nicht arbeiten wollen, wenn man ihnen nicht bessere Löhne zahlt und ähnliches. Aber einen Bund, einen Strike von Schnorrern! Schnorrer sollen sich ein höheres Almosen erzwingen, nur weil sie umsonst ein gutes Mittagbrot essen sollen? Hat die Weltgeschichte so etwas schon einmal gehört? . . . In zwanzig Minuten ungefähr fuhren wir ins Städtchen hinein. Auf dem Marktplatz standen drei grosse Bauernwagen, mit frischem Stroh bepackt. Die kleinen Pferdchen waren ausgespannt und frassen aus ihren Beuteln. Um die Wagen herum standen wohl hundert arme Leut', Stumme, Hinkende und viele Blinde und fast das halbe Städtchen: Lumpengesindel und sonstige Müssiggänger. Alle schrieen laut und wild durcheinander. Schmelke, der Krumme, sass auf der Fuhre, schlug mit seinen beiden Krücken gegen den Wagen. Und Awrom Moische, der lange Gannef, mit einem roten Tuch um den Hals, stand neben ihm. Die beiden Hauptrevolutionäre sprachen zum Volke — zu den Schnorrern! „Sehr gut!" schrie Awrom Moische, der lange Gannef, als er uns mit Chaskel, dem Meschores, sah. „Sie kommen schon, um uns zu bitten." „Ja, bitten!" riei der Krumme und schlug mit seiner Krücke. Wir fragten: „Warum wollt Ihr denn nicht auf die Hochzeit kommen? Und zur Mahlzeit? Ihr werdet schon Eure Geschenke bekommen." Sie aber schrien: „Wieviel?" „Wieviel? Was Ihr bekommt, nehmt Ihr eben!" „Wird jeder einen Rubel kriegen? Wenn nicht, fahren wir nicht." Und einige von den Sonnenbrüdern höhnten: „Der Himmel kriegt ein Loch, wenn Ihr nicht mitfahrt." Aber die Schnorrer gingen mit ihren Stöcken

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