Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Der Strike der Schnorrer
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 137 - 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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137 M. Spector: Der Strike der Schnorrer. 138 Lebaudy, Salat ä la Grüne Galle, Dessert, Wein -aus Sobieskis Zeiten (d. h. diesjährige Fusel in verstaubten, schmutzigen Flaschen). Nein, zu einer jüdischen Hochzeit hat man mich eingeladen. Einer Hochzeit, bei der Juden und jüdische Mädchen dieselben Sabbat- und Festtagskleider tragen, mit denen sie auch in die Synagoge gehen. Eine Hochzeit, wo es zuerst Lebkuchen und Strudel gibt, wo man sabbatliche Fische mit frischen Semmeln isst, „goldene" Suppen, gefüllte Hühner, gebratene Enten, und wo man Wein aus grossen, guten, klaren Flaschen trinkt. Eine Hochzeit mit all den ehrwürdigen Bräuchen, .all den alten Melodien; eine Hochzeit, mit einem Bräutigamsmahl und mit einer Mahlzeit für die armen Leut'---—-----— — Reb Jizchak-Eisik Berkower hatte immer aut .der Hochzeit seiner Kinder auch eine Mahlzeit für die arme Leut gegeben, wie es in einem gut jüdischen Hause Sitte und Gebot war. Und nun er seiner jüngsten Tochter Hochzeit feierte, lud er die armen Leut' des Städtchens Lipowetz zu sich ins Dorf, in dem er sein ganzes Leben verbracht hatte. Der Tag der Hochzeit ist herangekommen, Zwei Uhr ist's. Aber die armen Leut', nach denen man schon in der Frühe Chaskel, den Meschores, mit drei grossen Wagen geschickt hatte, sind immer noch nicht da. Lipowetz ist etwa fünf Werst weit — da muss also etwas vorgefallen sein? Alle Verwandten und die Gäste o warteten schon voll Ungeduld auf die Chuppe. Endlich kommt Chaskel, der Meschores, auf einem ausgespannten Gaul reitend; aber ohne die armen Leut'. „Warum kommst Du allein zurück?" fragte Reb Jizchak-Eisik. „Die armen Leut' wollen nicht fahren!" antwortete der Meschores und kroch vom Pferde herunter. ,,Was heisst: Sie wollen nicht?" fragten die Umstehenden verwundert. ,,Sie sagen: man soll jedem einen Rubel geben, sonst kommen sie eben nicht auf die Hochzeit." Wir mussten alle lachen. Aber der Meschores erzählte weiter: ,,In Lipowetz war heute auch eine Hochzeit mit einer Armenleuf-Mahlzeit. Da haben sie gut gegessen und gut getrunken, und jetzt LAZAR ROSENBERG. STUDIE. haben sie sich verabredet, sich nicht aus ihrem Städtel herauszurühren, wenn nicht jeder einen Rubel bekommt. Am schlimmsten revolutionieren von all den armen Leuten, Schmelke, der Krumme mit den beiden Krücken, Awrom Moische, der lange Gannef, Feitel, der Hinkende und Jäckel mit der platten Nase. Die andern wären vielleicht gefahren, aber diese Spitzbuben lassen sie nicht. Was sollte ich da machen? Eine ganze Stunde habe ich mit ihnen verhandelt und nichts erreicht. Da habe ich das Pferd ausgespannt und bin hierher gekommen und will Euch fragen, was ich tun soll." Wir Hochzeitsgäste blieben in einem Lachen über den Strike der Schnorrer; nur Reb Jizchak- Eisik, der Hausherr, geriet in helle Wut. „Nu! Hast Du nicht mit ihnen gehandelt? Machen Sie's nicht billiger?" fragte er Chaskel. „Ja, wir haben eine ganze Stunde gehandelt, aber sie wollen nicht eine Kopeke nachlassen. ,,So! Seit wann ist denn dieser Artikel so