Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Der alte Prager jüdische Friedhof
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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125 Josef Winternitz: Der alte Prager jüdische Friedhof. 126 DER ALTE PRAGER JÜDISCHE FRIEDHOF. Ein hervorragende Frauengestalt tritt uns in der Tochter des Hohen Rabbi Low entgegen, Vögele, die von ihrem Vater eine sorgsame Erziehung erhalten hatte, sich durch Wissen und Gelehrsamkeit auszeichnete und, gleich ihrer Tochter Clara, eine tüchtige Talmudistin war. Und gerne schweift der Blick zurück durch die Jahrhunderte, um sich ein schönes Bild zu malen, dort in der Gass . . . wenn die scheidende Abendsonne ihre letzten Strahlen in des Gelehrten stille Kammer hineinsendet und Lenz und "Winter in einen einzigen, goldig schimmernden Rahmen fasst. Sie zeigt uns an seinem Tische den greisen Rabbi, dessen Bart silberfarbig niederflutet . . . Er spricht lächelnd zu dem lockigen Mädchenkopfe, der sich über den mächtigen Folianten neigt . . . Sind nicht die roten Lippen, die blühenden Wangen des rosigen Knöspchens ein gar lieber Gegensatz zu den vertrockneten und vergilbten Blättern? Bleiben wir bei dem soeben erwähnten Rabbi Jehuda Löwe, dem Sohne des Bezahl. Er wird im Volksmunde kurz der Hohe Rabbi Low genannt. Unser zweites Bild zeigt uns dessen schönes Mausoleum, das an dem ausgemeisselten Löwen kenntlich ist. Dieser bedeutende, hochgelehrte Mann — sein Epitaph nennt fünfzehn noch bei Lebzeiten edierte Werke, drei handschriftlich hinterlassene befinden sich zu Oxford —, der, was besonders hervorgehoben werden muss, damals schon gegen den Pilpul auftrat und gegen den verkehrten Jugendunterricht eiferte, beschäftigte sich auch mit naturwissenschaftlichen Studien und wird als Astronom und Astrolog mit Kaiser Rudolf IL und Tycho de Brahe genannt. Der Name „Rabbi Löwe" findet sich als Bezeichnung einer Mondformation zuerst 1651 im Almagestum Novum des Jesuiten Giovanni Battista Riccioli auf einer von dem Jesuitenpater Francesco Maria Grimaldi gezeichneten Vollmondkarte. Er muss eine seine Zeitgenossen weit überragende Persönlichkeit gewesen sein. Denn Sage und Mythe bemächtigte sich seiner, und so lebt sein Name noch heute im Munde der Prager jüdischen Bevölkerung. Wenn ich vor dem Grabmal des Hohen Rabbi stehe, dann werden alle jene Sagen in mir lebendig, die ich in meiner Kindheit vernommen. LTnd in greif-