Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Der alte Prager jüdische Friedhof
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 123 - 124 (sequence 3)
- Language
- German
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123 Josef Winiernitz: Der alte Prager jüdische Friedhof. Schule und Amt schieden auch diese tschechischen Namen nahezu gänzlich bei den, Juden, die ja, " was ihr Wohl und Wehe betrifft, rnehr als; die übrige, von den; gleichen Zeitereignissen betroffene" Bevölkerung auf die; Gnade und den Willen der jeweiligen Regierung angewiesen war. Nachdem die katholische Kirche durch Beharrlichkeit und Klugheit in: den Ländern der böhmischen Krone wieder festen Fuss gefasst hatte, da streckte sie gar bald ihre Fühler aus, wie weit man schon in diesem, der Kirche so gefährlich gewordenen Lande gehen könne. ',Und.in teuflischer Weise ersah, man sich in dem Juden das geeignete'Objekt, an dem der widerstrebenden Bevölkerung die Macht und Gewalt der alleinseligmachenden Kirche in Erinnerung gebracht werden sollte: zur langsamen Vorbereitung und Gewöhnung an jenen Augenblick, in dem die Kirche es wieder unternehmen würde, auch Christen, Nichtkathoiiken als Ketzer zu belangen. So setzte der „Heilige" Johannes Kapistranus aus Anläss des Kirchenjubiläums. 1451 von Schlesien aus Judenverfolgungen ins Werk, und da gab es wieder durchstochene und blutende Hostien, Plünderungen, Schändung der. Friedhöfe, flammende Scheiterhaufen und Abschlachtungen von Juden, welche gottgefällige Verrichtung die gläubigen Christen noch heute zu ihrer. Erbauung an dem Kirchengemälde von Schweidnitz vorn Jahre 1457 sehen können. Böhmen stand jedoch damals noch im Zeichen des Kelches, und so nahmen die von katholischer Seite in Szene gesetzten Verjagungen hier eine andere Form an,v ohne darum an Niedertracht geringer zu sein. A le diese Bilder werden lebendig, wenn wir zum Grabe des Rabbi Gedalja, des Sohnes des Salomo, treten; er war Arzt und stand durch 22 Jahre der Altscbulsynagoge vor. Es war ein Jaum Kippur, so berichtet uns die Ramscbacker Chronik, als die Geistlichkeit mit Beihilfe von Waffengewalt die ahnungslose Judenstadt überfiel und alle Bücher, Schriften, Gedrucktes und Geschriebenes, Papier und Pergament fortschleppte. Darunter die reichen Bibliotheken des Landesnotars Rabbi Samuel und eben jenes Arztes Gedalja! Unersetzliche Verluste. Es waren nicht nur öffentliche Dokumente, die geraubt wurden, sondern alles, was in den Häusern an Ged ucktem oder Geschriebenem vorhanden war. So waren mit einem Schlage alle Urkunden und gewährleisteten verbrieften Rechte aus der Welt geschafft, womit nach den Anschauungen jener Zeit den Juden der ohnehin schwache, rechliche Boden der Existenzberechtigung entzogen ward. Eine weitere Folge dieses Willküraktes war, dass die alte Prager Gemeinde nun auf das Wohlwollen anderer Gemeinden, wie Worms, Speyer, Venedig, Rom, Konstantinopel angewiesen war und von hier m sich die nötigen Bücher , herbeischaffen müSste,, auf heimlichen und gefahrvollen Wegen. ■;; Es kann nicht Aufgabe dieses engen Raumes sein,! allen jenen berühmten Toten, die hier : ruhen, : gerecht: werden zu wollen. Es sei nur erwähnt, dass hier ihre letzte Ruhestätte fanden: Abigdor Karo, Abraham Sohn; des Avigdor, David Gans, Sal. Eph. Lenezyc,; die der; Familie Sp ro Angehörigen, Rabbi Dawid,, Sohn des Abraham Oppenheim, der Begründer der berüb.mtery jetzt in Oxford befindlichen Oppenheimer Bibliothek,! Jos. Sal. del Medigo aus Kandia, die Druckerfamilie> der Gersoniden, Meir Fischl, Ezech Landau .; Wer zählt all die Namen! Ich verweise auf das von Prof. Kaufmann aus dem Nachlasse von S. Hock herausgegebene Werk: „Die Familien Prags nach den Epitaphien, Pressburg 1892; Gal Ed mit einer Vorrede des damaligen Oberrabbiners Rapoport; Altertümer der Prager Josefstadt von Podiebrad; Kohut in der jüdischen Universalbibliothek: „Der alte Prager jüdische Friedhof". Bei unserem Gange auf des Friedhofs düstern Pfaden müssen wir aber bei den Gräbern jener verweilen, welche die eigentlichen Träger und Pfleger des jüdischen Familienlebens waren, das dem Juden neben seinem Glauben das Heiligste, das Teuerste war. Es sind die Frauen in Israel, die Priesterinnen jenes, wonnesamen Lichtchens, das den häuslichen Herd, verklärte. Die treuen Lebensgefährten ihrer Männer in Not und Drangsal. Denn für das Elend jener Tage bot der enge,, traute Familienkreis die einzige, doch um so reichlichere Entschädigung. Die jüdische Familie war die Insel in dem Bluttneer, jener Ort, an dem der unerschütterliche Glaube an die Menschheit und. deren» endliche lichte Zukunft ein sicheres Asyl gefunden hatte mitten in der Barbarei und Stumpfheit der christlichen Völker. Des Gottesackers Steine sprechen eine liebevolle Sprache von den Perlen Judas, und es trifft sich schön^ dass gerade die ältesten Grabmäler des Prager Judenfriedhofes Frauen gesetzt sind ... So singt denn das „Haus des Lebens" von seinem ersten Anbeginn ein inniges Lied von unseren Jieben Frauen. Das. erste unserer Bilder zeigt das Grabmal einer Adeligen,, der Hendl, der Ehegattin des Gemeindevorstehers Jakob Bath Scheba von Treuenberg. Letzterer, von Ferdinand IL, .dem Katholischen, in den Adelsstand erhoben, erhielt, ausgedehnte Privilegien. Seine Armeelieferungen für Wallenstein brachten ihm aber Unglück, da der jähe Sturz des Friedländers. auch sein Glück begrub. Die Familie zerstreute sich, Nachkommen derselben leben noch in Italien unter dem Namen. Basevi. Einer dieses Namens vertritt die Triester Handelskammer im Reichsrate. -