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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 121 - 122

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Der alte Prager jüdische Friedhof
Date
1904-02-01
Page
Seite 121 - 122 (sequence 2)
Language
German
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121 Josef Winternitz: Der alte Prager jüdische Friedhof. 122 wie die Ueberlebenden des öfteren den ganzen Friedhof aufschütten mussten, um wieder für neue, müde Erdenwaller Platz zu schaffen, die schon ungeduldig an das Pf Örtchen pochten. So kamen Grabsteine aus der Tiefe empor, und friedlich und einträchtig lehnen aus verschiedenen Jahrhunderten und — Jahrtausenden stammende Denkmäler nebeneinander. Wie ein in Stein gehauenes Gehirn des jüdischen Volkes schmiegen sich schier unentwirrbar die Steinreihen in engen Windungen -durcheinander. Ja, es ist das in Stein gehauene Gedächtnis des jüdischen Volkes im Golus, in dem die Erinnerung an so viele Menschenaiter ineinandergreift und Töne und Klänge weckt, die ausklingen in ein wehmütiges und doch unsäglich stolzes Totenlied. Die Geschichte des Friedhofes hängt mit der Geschichte der Prager jüdischen Gemeinde naturgemäss innig zusammen. Er ist gleichsam der Niederschlag -der im Laufe der langen Jahrhunderte auf dem engen Räume des Ghetto sich abspielenden Ereignisse. Und da die Geschichte einer Judengemeinde mit ihren Verhaltnissen und Beziehungen zu der nichtjüdischen Bevölkerung ein Gradmesser der Kultur der Wirtsvölker ist, hat die Kulturgeschichte an dem Prager Judenfriedhofe eine unschätzbare Fundgrube — was ja manchmal nicht gerade erwünscht ist. Und dies um so mehr, als, ganz abgesehen von den schier unübersehbaren blutigen Verfolgungen, Ueberfällen, Brandschatzungen des Mittelalters, am 21. Juni 1689 eine Feuersbrunst, die den damaligen Machthabern als Urhebern zugeschrieben wird, fast das ganze Ghetto einäscherte und bei dieser Gelegenheit auch alle Dokumente des jüdischen Rathauses vernichtete: also ihren Zweck erfüllte. Die Blutzeugen aller der feinen Nuancen christlicher Nächstenliebe sind schon längst in ihren Gräbern zu Staub geworden; so muss der tote Stein sich regen, um mit seiner schweren Zunge schwere Anklagen aut dem Forum der Geschichte zu erheben, die in der richtenden Nachwelt ihren Widerhall finden. Wie oft hat man_ diesen steinernen Mund zum Schweigen bringen und ihn der Vernichtung weihen wollen. Die jetzige Lage des Friedhofes ist keineswegs mit dem Bestände der Gemeinde gleichaltrig, da er einer späteren Zeit seine Entstehung verdankt. Es bestehen hier mehrere, sich durch lange Zeit getrennt haltende Judengemeinden, die sich ihrem Ursprung •und ihrer Herkunft nach voneinander unterscheiden. Als Böhmen deutschen Einwanderern eröffnet wurde, kamen Juden aus den deutschen Landen hierher. Und als die iberische Halbinsel den Juden zur Hölle ward, siedelten sich in Prag portugiesische Juden an, die sich eine engere Gemeinschaft bewahrten. Die Gründung der ersten jüdischen Ansiedelung verliert sich in sagenhafte Zeit und wird wohl auch mit einer vorslawischen Niederlassung der Markomannen in Verbindung gebracht. Sicher ist, dass die Anlage der heutigen Judenstadt jüngeren Datums ist, und es geschieht noch häufig, dass man an jenen Orten, die ursprünglich von Juden bewohnt waren, Grabsteine findet, die dann auf den Friedhof überführt werden. Der bisher älteste Grabstein des Friedhofes, dessen Lesung keinem Zweifel unterliegt — es ist der Grabstein einer Frau und weist die dem Jahre 980 entsprechende Jahreszahl auf —, fällt also in die ältesteZeit der jüdischen Geschichte. Merkwürdigerweise fehlen Denkmäler aus dem 11.—14. Jahrhunderte, und die Ursache dieser auffälligen Erscheinung ist aller; Wahrscheinlichkeit nach eine, sechsmonatliche Belagerung Prags unter Wenzel IV., dem Faulen, durch die Thüringer und Meissner des Kaisers Ruprecht von Bayern. Wenn es richtig ist, die Angabe der Ramschäcker Chronik auf dieses Geschehnis zu beziehen, die uns berichtet, dass die Grabsteine aller drei hier befindlichen Friedhöfe (eben der sich getrennt haltenden Gemeinden) zum Baue einer Wasserschanze verwendet werden mussten. Und es wird in diesem Berichte darüber geklagt, dass tausendjährige Denkmäler der Vergangenheit der Not zum Opfer fielen, darunter auch das Grabmal des Rabbi Samuel Carcassone.1) Das böhmische Land, das Grenzgebiet slawischer und germanischer Völkergruppen, muss noch jetzt wie vor Jahrhunderten den Kampf zwischen deutschem und slawischem Wesen auf seinem Rücken austoben lassen. Und dieser Kampf hat auch auf dem alten Judenfriedhofe eigentümliche Spuren zurückgelassen. So finden wir Grabsteine des 15. und 16. Jahrhunderts die tschechische Namen aufweisen, wie: Sibusa, Mata, Mamila, Släva, Vlk, Öech, Nezamysl, Öerna, Kräsa u. a., so dass es den Anschein hat,2) als hätte damals unter den Juden eine Art Assimilationsbestrebung geherrscht, geweckt durch die hussitische Bewegung, welche, wie wir anderwärts erfahren, ihre leidenschaftlichen Wogen bis an die Tore des Ghetto warf. So sah man sich damals genötigt, durch Rabbinatsreskript den Juden so eindringlich als möglich ans Herz zu legen, in Wort und Tat sich jeglicher Parteinahme zu enthalten. Denn die damalige jüdische Jugend war ebenso taktlos und politisch kurzsichtig wie heute. Mit der späteren Gegenreformation und dem gewaltsamen Verdrängen der tschechischen Sprache von 1 ) Carcassone, Hauptstadt der Grafschaft Bezier in Südfrankreich. Rabbi S. C. war unter dem Grafen Raymund Roger Bailli dieser Grafschaft Als dieser Landstrich an Ludwig IX. fiel, übernahmen königliche Beamte die Geschäfte der Bailli. 2) Doch ist es auch möglich, dass dieses Anschmiegen an die tschechische Bevölkerung noch aus der ersten Zeit der vollen Freiheit und Duldung stammt

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