Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Der alte Prager jüdische Friedhof
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 119 - 120 (sequence 1)
- Language
- German
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119 120 DER ALTE PRÄGER JÜDISCHE FRIEDHOF. DER ALTE PRAGER JÜDISCHE FRIEDHOF. Von Josef Winternitz. Das ehemalige Ghetto, die Prager Josefstadt, ist •der elendeste Stadtteil. Jetzt wohnt darin meist das verkommenste Proletariat, und Elend und Laster grinsen aus allen Kelleröffnungen, aus all den schmutzigen, zerbrochenen Fensterhöhlen. Dieser jetzt vom Erdboden verschwindende Stadtteil wäre eine drohende, ständige Gefahr für die ganze Stadt, würde nicht in seiner Mitte, wie eine Oase inmitten einer Wüstenei, ein baumreicher, grasiger Ort sich ausdehnen: der „Gute Ort", wie ihn die Ghettobewohner einst nannten, der altberühmte Prager Judenfriedhof, von dem ein Stück der Assanierung dieses Stadtteiles zum Opfer gefallen ist. Das letztere geschah nicht aus Notwendigkeit, wohl aber aus Antisemitismus, der in dem zähen, langen Kampfe gesiegt hat Daher das geschäftige Umgraben des Friedhofes und Begraben der Ueberreste der aus ihrer Ruhe geschreckten Schläfer. Dann wird der „gute" Ort wieder sein alltägliches Aussehen haben, er wird wiederum der „stille" Ort -sein und tiefe Stille wieder auf ihm lagern, und leise heimlich und verstohlen wird durch der alten Hollunderbäume dichtes Grün der Sonnenstrahl sich stehlen und hindurchhuschen zwischen den noch dichter stehenden Grabsteinen. Dicht stehen die Steine neben- und durcheinander, übereinander schieben sie sich, dichter als des Urwaldes Stämme. Gleich als wäre an brandendem Strande ein wogendes Meer erstarrt zu Stein. Die Ruhe und Stille, die hier sonst herrscht, hat sich dieser Begräbnisplatz ehrlich verdient. Denn in den ganzen Sudetenländern gibt es keinen Ort, an dem sich die entsetzlichsten Stürme gleichsam ein Stelldichein gegeben hätten, wie eben hier. Durcheinander wirbeln hier die Jahrhunderte. Alles drängt sich nach diesem stillen Ort der ewigen Ruhe, und die Zahl der Einlass Begehrenden wuchs von Jahr zu Jahr, von Jahrhundert zu Jahrhundert. Grab an Grab,1 Stein an Stein, und an der tiefen Lage der angrenzenden Synagogen sieht man,