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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 111 - 112

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums
Date
1904-02-01
Page
Seite 111 - 112 (sequence 5)
Language
German
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111 Bernhard Pomeranz: Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums» 112 seits aber, auch in dem unleugbar mächtigen Geiste Renans und insbesondere in seiner eminenten poetischen Begabung, die ihm gestattete, so tief in die Seele Israels zu schauen und das leiseste Beben seines Herzens nachzuempfinden, wofür nicht so sehr die Geschichtsauffassung Renans, als vielmehr die unübertreffliche Meisterschaft, mit der er die schönsten Stücke unseres Schrifttums in feiner musikalisch-weichen Muttersprache wiedergibt, den beredetsten Beweis liefert. Darum findet sich auch bei keinem deutschen Forscher eine verhältnismässig so vorurteilsfreie BehandlungunsererReligions- und Volksgeschichte, keine so volle Anerkennung und offenherzige Bewunderung des „Genie Israelswie bei Renan. „Der Keim der Moral" — sagt Renan — „der Sinn für Gerechtigkeit und Menschenliebe lag-wohl in der Menschheit. Allein der arischen Völkergruppe kam derselbe lange nicht zum Bewusstsein. Hellas, der würdigste und charakteristischste Repräsentant der arischen Volksseele, hat zwar alles hervorgebracht, was zur Erleuchr tung des menschlichen Geistes und zur Erheiterung unseres Gemütes beitragen kann; eine Lücke Hess jedoch seine zivilisatorische Tätigkeit zurück: für die Rechtsgleichheit der Menschen, für die Schonung der Schwachen und Bedrückten ward da nichts vorgesehen; dafür schien ihm der Sinn abzugehen. \ Dem feurigen Genie eines einzigen, in einem entlegenen Winkel Syriens ansässigen Stammes war es vorbehalten, diese Lücke in der Kultur arbeitderMenschheit auszufüllen, das schlummernde Gewissen der Völker wachzurufen. Schon die Patriarchen, diese herumirrenden Aramäer — ,,arami obed" — waren Typen hochsinniger Biedermänner; aber dieser absolute Gerechtigkeitssinn, diese selbstlose Hingebung an die Pflicht, die innige Teilnahme am Geschicke der Niederen, diese warme allumfassende Liebe, die sich in dem Glauben an einen ewigen Weltfrieden, in die Hoffnung an eine allgemeine Menschenverbrüderung ausgebildet hat, — diese loderte erst in den Feuerseelen der Propheten zu jener hellen Lohe auf, die noch heute die Menschheit erleuchtet und erwärmt! Die Seele der Propheten blutete beim Anblick einer Ungerechtigkeit und jede Faser ihres Herzens empörte sich beim Gedanken an mensc hliche Verkehrtheit. Mit den landläufigen Anschauungen im Widerspruche, von den Grossen gehasst und verfolgt, und von dem Volke wenig verstanden und gewürdigt, wandelten diese ältesten und wahrlich edlen Sozialisten einsam und verkannt, vom inneren Feuer verzehrt, das sich oft widerWillen Luft machte, und gewaltsam, wie ein feuriger Strom, sich über die Menge ergoss. „Wenn der Löwe brüllt, wer wird nicht erzittern; wenn der Ewige spricht, wer wird nicht prophezeihen?" (Arnos III, 8.) „Ich dachte wohl — klagt der eine — ich erwähne seiner nicht mehr, ich werde nie mehr in seinem Namen sprechen; aber es war in meinem Herzen wie verzehrende Glut, verschlossen in meinen Gebeinen, ich vermochte es nicht zurückzuhalten!". (Jeremias XX, 9.) ,,L'esprit des prophetes c'est l'esprit d'Israel." Hier, bei den Propheten, die den Geist Israels repräsentieren, sehen wir somit das unbedingte Pflichtbewusstsein in seiner ganzen Reinheit, hier tritt uns die innere treibende Gewalt der Sittlichkeit entgegen, die, sogar ohne Hinweis auf ein Jenseits, für den Elitemenschen ausreichend ist, um ihn mit dem Schicksal abzufinden. — „Das Judentum umfasst die ganze religiöse Arbeit der Menschheit, da das Christentum und der Islam nur Abzweigungen desselben sind. Der Ursprung des Christentums muss mindestens um 750 Jahre v. Ch. zurückverlegt werden in das Zeitalter der Propheten, welche eine ganz neue religiöse Anschauungsweise geschaffen haben. Der erste Evangelist des Universalismus, der „Mewaser" der Religion der Menschheit, war unstreitig der sogenannte „Deutero-Jesaias". Die wahren Stifter des Christentums sind die grossen Propheten Israels, welche die reine Religion verkündigt haben*4 (Renan, Histoire du peuple d'Israel tome II p. 3, tome III p. 47, und Discours et Conferences pp. 316—318). „Die ganze erste christliche Generation ist darum auch, ihrem ganzen Wesen nach, durch und durch jüdisch. Wenn man diese grossen Stifter gefragt hätte, ob sie sich als ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft stehend betrachten, „o nein doch", würden sie zur Antwort gegeben haben, „wir setzen die Reihe der erleuchteten Männer Israels fort". Sie glaubten das Gesetz zu erfüllen, und nicht es abzuschaffen. Später jedoch trat man der Mutterreligion immer gehässiger entgegen, Schon im Evangelium nach Johannes wird das Judentum als Feind hingestellt. Man spürt hier schon das Auftauchen von Systemen, die, unter dem Namen „Gnostizismus", die Christen dahin führen werden, ihre jüdische Herkunft zu verleugnen. Nach den Gnostikern ist das Christentum ganz selbständig entstanden und stützt sich auf keinen Vorfahren, oder es ist vielmehr eine Reaktion gegen das Judentum. „Es ist unbegreiflich, wie eine so falsche historische Auffassung in so kurzer Zeit (100 oder 150 Jahre n. Ch.) entstehen konnte.'4 So wurde in der Folge jede Gemeinschaft und Offinität mit der jüdischen Religion verleugnet und aus dem angeblichen Gegensatze der Vorwand genommen, die Bekenner derselben blutig zu verfolgen. „Das ist nun einmal so der Gang der Welt", bemerkt hierzu Renan; „wenn man für die Menschheit arbeitet, muss man darauf gefasst sein, vorerst ausgeplündert zu werden und hinterher Schläge zu bekommen." Im Prophetentum Israels, das die geklärte,

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