Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 109 - 110 (sequence 4)
- Language
- German
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109 Bernhard Pomeranz: Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums. 110 man nichts zu wissen hat, weil hinter dem Schleier des ewigen Geheimnisses nichts zu suchen sei, eine solche Aufblähung des Selbstgefühles zur Folge, dass die Ansicht sich nur als Ausfluss des Willens darstellt und das Geschehene nicht so zu begreifen gesucht wird^ wie es kommen musste, sondern so, wie man sich es am liebsten gewünscht hätte. Letzteres ist Renans Fall. Flösst ihm das nach dem deutsch-französischen Kriege geeinigte Deutsc hland, die militärisch-stolz sich abschliessende deutsche Nation, wenig Sympathie ein, und spricht Kaiser Wilhelm gar von „unserem" Gotte, vom >,Gott der Deutschen", so gibt dies Renan Veranlassung zu den gröblichsten Ausfällen gegen das Volkstum, zu dem sich der patriarchalischnomadisierende Stamm Israel emporgearbeitet hatte, sowie zu den gewagtesten Hypothesen vom Wesen und dem Entwicklungsgange der jüdischen Gottes-Idee. Der aus dem Begriffe des absoluten, ewigen Seins gebildete „Eigenname" Gottes, der ihm als Spezial- oder National-Gott Israels erscheint, lässt ihm keine Ruhe. Er schimpft daher weidlich über den Nationaldünkel der Völker, der unter andern kleinlichen Ambitionen auch die Anmassung hat, einen besöndern, nur einem gewissen Volke gehörenden Gott zu besitzen. Jahwe elohenu, sagt der Israelit — unser Gott, spricht der Deutsche. Eine Nation hat eben mit Philosophie nichts gemein, sie denkt immer nur an sich. Der Fortschritt Israels wird daher darin bestehen/ das es einst von Jahwe wieder zu Elohim, zum reinen, allgemeinen Gottesbegriffe, zurückkehren wird." Das Eifern der Propheten gegen den heidnischen Götzendienst und das Bestreben der frommen Könige, diesem sittenverderbenden Kult Einhalt zu tun, bringen unserem Geschichtsschreiber alle jene Greuel vor Augen, die in späteren Jahrtausenden ad majorem dei gloriam verübt wurden; sie erinnern ihn an so manches Ungemach, das er selbst von klerikaler Unduldsamkeit erleiden musste -— und dies Alles bringt Sein Blut so sehr in Wallung, dass er Feuer und Galle sprüht gegen diese engherzigen Herrscher und die fanatischen Hetzer, die Propheten; jene sind ihm die; Urtypen der „Philippe IL", diese die Vorläufer Torquemados. Jene Könige hingegen, die, wie Achab, dem Bei, Moloch und der Astarte unbeschränkte Gastfreundschaft in ihrem Lande gewähren, die sind ihm die menschenfreundlichen Philosophen, die echten „Joseph deux", die freisinnigsten, tolerantesten Monarchen, die je einen Königsthron geziert haben. Dass dieses willkürliche Herumspringen mit den Persönlichkeiten und Idealen eines Volkes, weit entfernt wissenschaftlich zu sein, nur gerechten Anstoss erregen müsse, dieses Bewusstsein erwacht zwar bisweilen bei Renan; allein er sucht die voraussichtlichen Vorwürfe durch den Hinweis abzuschwächen, dass jedes Volk allzu anmasslich sei in Bezug auf seine National- LAZAR ROSENBERG. STUDIE. Geschichte. „Trotz der Mühe" — schreibt Renan — ,,die ich mir gegeben habe, die Bewunderung nicht der Kritik zu opfern, bin ich mir dennnoch wohl bewusst, dass meine Geschichte jene exaltierten Israeliten nicht befriedigen wird, die entweder alles oder gar nichts haben wollen, und die .sich nur dann zufrieden geben, wenn man den Charakter "und die Rolle Israels im Tone einer konstanten Apologie darstellt. Ein Fremder befriedigt übrigens nie ein Volk, dessen Geschichte er schreibt. Wie viel man auch immer sagen mag, man sagt nie genug, um die nationale Eigenliebe zu befriedigen. Es gibt aber keine makellose Geschichte. Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine der schönsten, die es überhaupt je gegeben hat, und ich bereue es nicht, ihr mein Leben gewidmet zu haben; dass sie jedoch ganz ohne Fehl und sonder Makel dastehen soll, dies zu behaupten liegt mir fern« Sie müsste ja sonst überden Bereich des Menschlichen hinausragen." Wenn daher, trotz der soeben gekennzeichneten Schwächen der Renanschen Methode, dennnt)ch ein so gelungenes, imposantes Bild des Judentums sich der Hand des Meisters entrungen hat — so liegt dies zunächst in der zwingenden Grösse des; behandelten Stoffes selbst, anderer-