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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 113 - 114

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums
Date
1904-02-01
Page
Seite 113 - 114 (sequence 6)
Language
German
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113 Bernhard Pomeranz: Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums. 114 mit dem Tri et 3 des Herzens, wie mit dem modernen Geiste der Menschheit gleich vereinbare Religion lehrt, sieht Renan die Religion der Zukunft. „Wir alle", sagt er, ,,die wir einen Gott ohne Priester, eine Offenbarung ohne Propheten, einen im Herzen geschriebenen Bund suchen, wir sind die Schüler dieser jüdischen „Seher". „Die reine Religion, welche wir für geeignet halten, die ganze Menschheit zu vereinen, wird die Verwirklichung der Religion Jesaias, die ideale jüdische Religion, sein." * * * Von Kant bis Renan, welch gewaltiger Abstand, welch riesiger Fortschritt in der Beurteilung, die das Judentum seither in der Wissenschaft gefunden hat! Die sterile Vernunftelei, die systembauende Religions-Philosophie, hat zur Verwirrung der Begriffe, zur Verkennung und Verunglimpfung des Judentums geführt; die solide Sprach- und Geschichtsforschung hingegen hat, trotz so manchen Irrtümern und Vorurteilen, unser geistiges Erbe in hellem Glänze erstrahlen lassen. Darum: der freien Forschung eine breite Gasse! Setzen wir uns nicht in Gegnerschaft zu derselben, bringen wir ihr Dank entgegen fürs Gebotene, und lernen wir begreifen, dass es ihr unter den gegebenen Verhältnissen unmöglich ist, uns alles, volle Gerechtigkeit, zu gewähren. Ja, Renan hat Recht. Die Geschichte eines Volkes, von „fremder" Hand geschrieben, kann nie das betreffende Volk ganz befriedigen, um so weniger, wenn dieser Fremde im Banne seines Glaubens befangen ist und die Geschichte, die er schreibt, nicht nur eine Nationalsondern Eine Der Missionsprediger Thomas Gillespie sah einen hochgewachsenen alten Mann in der ersten Reihe des Menschenhaufens, der ihn umdrängte, stehen, es fiel ihm unwillkürlich auf, wie durchdringend die grossen braunen Augen dieses Menschen ihn anblickten. Dann traf ein Stein den Prediger mitten in das Gesicht, drohende Rufe wurden laut, enger und enger umschloss ihn die Menge, und es würde ihm übel ergangen sein, wenn sich der grosse braunäugige Mann nicht in diesem Augenblicke umgewandt und mit einer Stimme, welche wie ein Trompetenstoss durch den Lärm drang, gerufen hätte: „Rührt ihn nicht an! Zurückl" Die Menschenmasse kam zu einem plötzlichen Halt. Den Rücken zu dem Prediger gewandt und in LAZAR ROSENBERG. BETENDER JUDE. vornehmlich eine Religions-Geschichte ist. Einsicht führt zur Nachsicht — dem Spruche gemäss: tout comprendre c'est tout pardonner. — die zornroten Gesichter vor ihm schauend, wiederholte der Sprecher: „Rührt ihn nicht an! Er ist ein ehrlicher Mann und hat nichts Böses gegen uns im Sinn. Was er tut, tut er aus Ueberzeugung— er ist nur im Irrtume. Und wer noch einen Stein nach ihm wirft, macht sich eines Verbrechens schuldig. „Vor meinem Angesicht," spricht der Herr, „ist kein Unterschied zwischen Juden und Heiden. Wer Gutes tut, dem will ich dafür lohnen." Geht Eures Weges, Freunde!" Wie Oel auf sturmerregte Wogen wirkten die Worte: in wenigen Minuten hatte sich der Menschenhaufen nach allen Richtungen zerstreut, und der Sprecher konnte dem zu Boden gestürzten Prediger von der „Ostseite-Juden-Mission", UNBEKEHRT. New-Yorker Ghettogeschichte von Bruno Lessing (New-York). Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von John Weimann. (Nachdruck verboten.)

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