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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 107 - 108

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums
Date
1904-02-01
Page
Seite 107 - 108 (sequence 3)
Language
German
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107 Bernhard Pomeranz: Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung" des Judentums* 108 „Wer Avill was Lebendiges erkennen und beschreiben, „sucht erst den Geist herauszutreiben, „dann, hat er die Teile,in.seiner IJand, „fehlt, leider! nur das geistige Band; Eines muss dennoch zugestanden werden, dass diese Schule mit gediegener - Sachkenntnis, mit Ernst, Fleiss und . Geschick an der Lösung ihrer Aufgaben arbeitet, und dass es ihr in vielen Stücken gelungen ist, den Schleier der Vorzeit zu lüften, .den Geist der Geschichte zu erfassen und : dadurch auch zur genaueren Erkenntnis und zur gerechten Wertung (des Judentums wesentlich beizutragen. Was diese Schule, trotz alledem, Unzulängliches aufweist, das muss auf Rechnung des Umstandes geschrieben werden, dass die Vertreter derselben protestantische Theologie-Professoren sind, die erst durch das Bestreben, die Entstehungsgeschichte ihrer eigenen Religion darzustellen, zur Erforschung des Judentums hingeleitet, wurden. Und wenn man auch von ihnen nicht behaupten kann, „sie hätten bloss ein Amt und keine Meinung", so ist es-dennoch traurige Tatsache, dass unter dem ,,Amte" und noch mehr unter dem offiziellen Bekenntnisse, die „Meinung" oft gar zu arg leidet. - Das Judentum .wird' da nie an und für sich als ein selbständiges, in sich abgeschlossenes Geistesgebilde, sondern stets nur in Beziehung auf das aus ihm hervorgegangene Christentum untersucht, und als Vorhalle, zumeist nur als Folie zu . demselben, dargestellt. Bei aller Unparteilichkeit tritt immer das Bestreben hervor, den Hintergrund, die alte Lehre, recht dunkel auszumalen, damit das hierauf zu zeichnende Bild der neuen Botschaft um so günstiger sich abheben soll. Bei dieser Einse;tigkeit des Gesichtspunktes darf es daher nicht Wunder nehmen, dass nicht nur ein Harnack und Bousset, sondern sogar Männer von so redlichem Forschungstriebe, wie Wellhausen, Kuenen und Emil Schürer, zu keinem ganz unbefangenen Urteile über das Judentum und das Verhältnis desselben zum Christentume gelangen können, und wenn auch hie und da einer — wie Holzmann*) — einen so klaren Einblick in den Rabbinismus gewinnt, dass er es unternimmt, für die verkannten und vielfach geschmähten Schriftgelehrten eine Lanze einzulegen und ihren versittlichenden Einfluss auf das Volk ,,durch erfolgreiche und eindringliche Verbreitung und Einprägung der prophetischen Gedanken", anerkennt, — so sieht er sich bald darauf wieder veranlasst, ihnen allerhand Mängel anzudichten, um zu zeigen, wie weit sie von einem aus ihrer Schar, „dessen ganzes Auftreten an das der Schriftgelehrten erinnert", weit überholt wurden. Von nicht geringem Interesse musste es daher sein, zu erfahren, wie der Gedankeninhalt unseres nationalen und religiösen Seins sich im *) Die jüdische Scfcriftgelelirsamkeit zur Zeit Jesu. 19.01» Kopfe eines Ernest Renan abspiegeln wird, im Kopfe eines Mannes, der, scheinbar frei von konfessioneller und beruflicher Befangenheit, ausgestattet mit einem scharfen Forscherblicke und mit der Phantasie eines Poeten, .wie kein anderer berufen zu sein schien, die Geistesarbeit des Volkes Israel gehörig zu erkennen und gerecht zu beurteilen. Diese Erwartung ging jedoch nur zum Teile in Erfüllung. Denn erstens war der weltlich gewordene Renan nicht viel weniger als seine geistlichen oder theologielehrenden deutschen Kollegen von der Seite des Glaubens beeinflusst. Renan steckte tief in seinen Jugenderinnerungen; er war seinem Christglauben, wie er sich äussert, innig zugetan, „par une de ces traditions d'enfance, qui sont les plus cheres et qui durent le plus". Auch er gelangte zur eigentlichen Betrachtung des Judentums rückwärtsschreitend, auf der Suche nach dem Ursprung des Christentums, i„en cherchant les origines du christianisme". Allein, die Gläubigkeit Renans war der einzige Hemmschuh nicht, der den freien Flug seines Geistes behinderte. Weit störender erscheint in dieser Hinsicht das öftere Hinüberpendeln seiner Seele zum Gegenpole des Glaubens, zu jenem äusseren Ende der voraussetzungslosen Wissenschaft, wo uns eine gähnende Leere, das durchbohrende Gefühl der Nichtigkeit, entgegenstarrt, wo eine höhnisch gellende Stimme uns zurnft: Eitelkeit der Eitelkeit, alles ist eitel! Bald sehen wir ihn vor den hohen Idealen und den heiligen Ahnungen der Menschheit anbetend auf die Kniee fallen, den endlichen Durchbruch der Wahrheit, den Sieg des Guten verkündigen — bald wieder einer herben, trostlosen Skepsis das Wort reden, sogar an seinem Zweifel zweifeln (douter de sa doute, wie Zola von ihm sagte), ausser dem sittlichen Pflichtbewusstsein fast alles negierend und als Quintessenz prophetischer Weisheit den Ausspruch hinstellend: „Um eitel Nichts mühen die Völker sich ab; Es arbeiten die Nationen für die Verwesung!" . - .. Diese Hinneigung Renans zur ironischen Allbezweiflung beeinträchtigt ungemein den Ernst seiner Forschung. Aus ihr erklärt sich auch jenes allzustarke Selbstbewusstsein des Schriftstellers, das sich oft darin gefällt, mit den heiligsten Dingen und Personen ein leichtfertiges Spiel zu treiben, alles im Spiegel der Gegenwart und durch die Lupe seiner Individualität zu schauen, sein eigenes Ich als den Massstab aller Dinge und Geschehnisse zu betrachten. Denn wenn die Faustische Einsicht, ,,dass man nichts wissen kann", dem wissbegierigen Menschen „schier das Herz verbrennen will" und zu resignierter Selbstbescheidung stimmt; so hat, im Gegenteil, die vermeintlich gewonnene Ueberzeugung, däss man recht viel weiss oder dass

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