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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 105 - 106

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums
Date
1904-02-01
Page
Seite 105 - 106 (sequence 2)
Language
German
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105 Bernhard Pomeranz: Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums. 106 im Satze zusammenfasste: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert: Nur Recht üben, Liebe pflegen und in Demut wandeln vor deinem Gottl (Micha VI, 6—8.) Wird der Lehrgehalt des biblischen Judentums in der Weise verkannt, wer wird es unserem Philosophen zumuten, bei einer Besprechung der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum gar den Rabbinismus in Betracht zu ziehen, und zu erwägen, dass einer der grössten Schriftgelehrten zur Zeit Christi es war, der die Menschenliebe als das Wesen des Judentums bezeichnete, und dass ein anderer, zwei Jahrhunderte vor jenem, den Grundsatz aufstellte: Tugend müsse frei von jedem selbstsüchtigen Antriebe sein. (Antigonos aus Socho.) Selbst das Zeugnis des Evangelisten, dass Christus seine Aufgabe nicht in der Aufhebung, sondern in der Verwirklichung des Judentums erblickte, wird hier nicht schwer in die Wage fallen, da diese Anknüpfungen an die alte Lehre nur eine Art „pia fraus" waren und als Mittel zur leichteren Einführung der neuen Botschaft dienen sollten." Kant, dem Begriffsmenschen, fehlt die Phantasie, und damit auch der Sinn für Geschichte, und die Empfindung für den hohen Geist und die erhabene Poesie der Propheten, die so mächtig zu unserem Gemüte spricht. Die Unkenntnis der jüdischen Quellenschriften in der Ursprache verrammelt ihm den Weg zu ihrem richtigen Verständnisse. Dazu tritt noch der Umstand, dass Kant bekanntlich, bei all seiner Freigeisterei, zeitlebens von einem tiefen Hange zum Mystizismus wie in einem Zauberkreise gebannt war, so dass Schiller in Beziehung auf ihn sehr treffend bemerkte: „Es ist noch immer etwas in ihm, was einem, wie bei Luthern, an einen Mönch erinnert, der sich zwar sein Kloster geöffnet hat, aber die Spuren desselben nicht ganz vertilgen konnte." Nachdem er daher den lieben Herrgott so entschieden aus der Philosophie herausgekrittelt hatte, fühlte er sich aus Rücksichten der praktischen Vernunft veranlasst, ihn wieder durch die Pforte des Glaubens ins Bewusstsein der Menschheit einzuführen. Der mystische Dämmer der christlichen Dogmenlehre musste ihm hierzu am geeignetesten erscheinen, — das Judentum hingegen war ihm zu durchsichtig, zu wenig glaubensselig. Dazu hatte es noch den Fehler, dass es zur Haupttheorie der Kantischen Psychologie, zur Lehre von der absoluten, ursprünglichen Niedertracht des Menschen, oder anders gesagt, „von dem der menschlichen Natur angeborenen Hange zum Bösen," so schlecht stimmte, — während das Christentum in seinem Dogma von der erblichen Sündenbelastung diese Anschauung voll und ganz zum Ausdrucke bringt. Bei der hohen wissenschaftlichen Autorität Kants konnte es daher nicht fehlen, dass seine abfällige Ansicht vom Judentume die weiteste Verbreitung fand und die nachhaltigste Wirkung übte. Die ganze nachkantische Religionsphilosophie steht darum auch tatsächlich unter dem Einflüsse dieser Anschauungen. Die Zeitgenossen, die ,,Handlanger4die Epigonen und sogar die Gegner Kants werden von diesem Irrwische im Kreise herumgetrieben. Fichte und Schelling sind von dieser Theorie stark „befruchtet" und in Schopenhauer artet dieselbe in eine geistige Idiosynkrasie gegen die Bibel aus, die ihm noch aus andern Gründen hassenswert erscheint: weil sie dem Optimismus das Wort redet, die Welt als gelungenes Werk eines vollkommenen Schöpfers entstehen lässt, die Bejahung des Willens zum Leben, und sogar zu langem Leben, fordert; ferner, weil sie die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, das ist vom Uebergange des Menschen in Nirvanna, so hartnäckig „wie absichtlich", verschweigt, und endlich, weil sie vor dem Tiere, zu dem sich unser Philosoph so innig tief hingezogen fühlt, zu wenig Respekt verrät und sogar gestattet, dass der Mensch es als Nahrung gebrauche. Im „Philosophen des Unbewussten" und in Eugen Dühring findet die Kantsche Doctrin von der völligen Abweisung des Judentums in religiöser und ethischer Beziehung ihre giftigsten und konsequentesten Ausläufer, und kommt dieselbe von Zeit zu Zeit bei den Neukantianern und bei „Dilettanten" vom Schlage Chamberlains wieder zum Durchbruch. IL So sah das Judentum im Schatten der kritischen Philosophie des zur Neige gehenden 18. Säculums aus. Anders jedoch gestaltete sich die Sachlage, als im Verlaufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Philosophie dem Anstürme der Naturwissenschaften erliegend, von ihrem hohen Throne hinuntersteigen musste — und die kritische Bibel- und Geschichtsforschung auf den Plan trat In der Erkenntnis und Beurteilung der geistigen Schätze Israels trat jetzt ein radikaler Umschwung ein. Was immer man daher dieser kritisch-historischen Betrachtungsweise nachsagen mag, so ablehnend man sich auch der Willkür gegenüber verhalten muss, mit der sie das Zeitalter der verschiedenen Bestandteile des althebräischen Schrifttums, die politische und religiöse Färbung seiner Verfasser festzustellen sich herausnimmt, alles mit Etiketten und Nummern versieht, dort den älteren Jehovisten und hier den jüngern einreiht, bald den Elohisten No. I und den ersten Redaktor, bald den Elohisten No. 2 und die späteren Redaktoren aufmarschieren lässt; wie sehr auch der Vorwurf gerechtfertigt erscheint, dass die mit kaltem Herzen durchgeführte Zerstückelung der heiligen Schrift die Worte Mephistos zur Wahrheit macht:

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