Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 103 - 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Philosophie und Bibelkritik in ihrer Beurteilung des Judentums
Date
1904-02-01
Page
Seite 103 - 104 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583921-2589784--03658-2589836
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

103 104 PHILOSOPHIE UND BIBELKRITIK IN IHRER BEURTEILUNG DES JUDENTUMS. Von Bernhard Pomeranz. Noch immer schwankt das Bild des Judentums in der Weltgeschichte. Deutsche Wissenschaft gibt sich zwar eifrig Mühe, das Dunkel der jüdischen Altertümer zu erhellen; allein, die Erreichung dieses Zieles wird wesentlich erschwert durch die immer^ wieder zutage tretende Tendenz, die kulturelle Bedeutung des Judentums her abzudrücken, oder, anders ausgedrückt, „den Nimbus des auserwählten Volkes" zu schmälern. Geht man den weiterliegenden Ursachen dieser Erscheinung nach, so gerät man auf zwei Spuren, deren eine in die deutsche Philosophie des 18. Jahrhunderts, die andere in die protestantischtheologische Bibel-Kritik des 19. Jahrhunderts zurückführt. Jedes der letztverflossenen zwei Jahrhunderte trägt bekanntlich eine eigene geistige Signatur; das 18. Jahrhundert verrät, in der Suche nach Wahrheit, einen vorwiegend spekulativen, das 19. hingegen einen historischen Charakter. Dementsprechend gelangten auch bei der Untersuchung der jüdischen Altertümer nacheinander zwei Methoden zur Anwendung: zunächst die philosophische, die vom Deismus Englands ausgehend, in den deutschen Rationalismus der Aufklärungszeit sich ausgestaltete und durch Kant in neue Bahnen gelenkt wurde; dann, die historisch-kritische, die, an der Hand der vergleichenden Sprachkunde, sich bemüht, das Leben der Völker zu belauschen, und auf Grundlage der betreffenden Schriftdenkmäler die genetische und organische Entwicklung der Religionen zu ergründen. Diese beiden Forschungs-Methoden haben nun eigentümlicherweise ganz grundverschiedene Ergebnisse zutage gefördert, sowohl in Bezug auf das Wesen des Judentums als auch auf das Verhältnis desselben zum Christentümer Die von Kant ausgehende spekulative Betrachtungsweise hat in dieser Hinsicht diekrassesten Irrtümer und erstaunlichsten Verkehrtheiten in die Welt gesetzt. „DervorkantischeRationalismus der deutschen Philosophie, die natürliche Theologie der Aufklärungszeit — sagt Kuno Fischer — stand in ihren deistischen Begriffen dem Judentume näher als der christlichen Religion, sie gefiel sich sogar darin t mit ihrer Vorliebe für die Verständigkeit des jüdischen Gottesbegriffes Staat zu machen gegen die Mysterien des Christentums". Kant war es vorbehalten, auch hier bahnbrechend einzugreifen* „Er war der erste Philosoph, der -— um weiter mit Kuno Fischer zu sprechen —► den Unwert der jüdischen Religion in ihrem Verhältnisse zum Christentume erleuchtete/* Aber nicht allein den Unwert derselben in ihrem Verhältnisse zum Christentume — sondern ihre Nichtigkeit an und für sich, sucht der „Allzermalmer" zu beweisen. „Das Judentum — sagt Kant*) — ist eigentlich gar keine Religion, sondern bloss Vereinigungeiner Menge Menschen, die, da sie zu einem besondern Stamme gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen, unter bloss politischen Gesetzen,, mithin nicht zu einer Kirche formten", ,,Gott tut da an das Gewissen gar keinen Anspruch". Beweis dessen ist erstlich, dass die darin vorkommenden Gebote bloss äussere Handlungen betreffen und keine Forderung an die moralische Gesinnung stellen, zweitens, dass nur zeitliche und keine ewigen Güter als Belohnung verheissen werden, und drittens, dass das Judentum das ganze menschliche Geschlecht aus seiner Gemeinschaft ausgeschlossen hat. Selbst der Monotheismus dieses Volkes darf ihm nicht als besonderes Verdienst angerechnet werden, ,,denn man findet bei den meisten andern Völkern, dass ihre Glaubenslehre darauf gleichfalls hinausging, und sie sich nur durch Verehrung gewisser, jenem (Hauptgotte) untergeordneten Untergötter, des Polytheismus verdächtig" machten". „Das Christentum bedeutet eine vollständige Verlassung des Judentums, worin es entsprang; es ist auf einem neuen Prinzip gegründet, und bewirkte darum eine ganze Revolution in Glaubenssachen". Die Tatsache, dass das jüdische Volk, trotz seiner Zerstreuung, vor dem Untergange bewahrt blieb, hat für Kant nichts Auffälliges und ist dadurch erklärlich, dass jedes Volk/ das eine geschriebene Religion (heilige Bücher) hat, wie z. B. die Parsis, dadurch vor völliger Auflösung gefeit ist. — Dass die Bibel schon in ihren ältesten Stücken, in der Patriarchengeschichte, die Anleitung der Menschheit zum sittlichen Lebenswandel „Recht und Liebe zu üben", als den eigentlichen Beruf der Ahnen Israels hinstellt, dass sie die Lehre von der Gottesebenbildlichkeit und Gotteskindschaft des Menschen verkündet, Gott als heilig, gerecht und barmherzig bezeichnet und vom Menschen fordert, ihn mit ganzem Herzen, ganzer Seele und aller Kraft zu lieben, dem Nächsten, dem Fremden Liebesdienste zu erweisen — dies gilt unserm Philosophen nichts. Für die tiefe Religiosität der Psalmen scheint seine Seele ebenso verschlossen zu sein, wie für die hohe Idealität eines Jesaias. Er weiss nichts von jenem Seher, der die Religion Israels *) Die Religion innerh. cL Grenzen der blossen Vernunft ed. Kirchmann, S. 144 u. ff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.