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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 99 - 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kunst
Date
1904-02-01
Page
Seite 99 - 100 (sequence 3)
Language
German
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Dr. G. Kutna: Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kunst. dem ein geheimer Garten geblüht; sie blickten jubelnd umher wie Kinder im jungen Maientag und brachten sich Schönheit heim in die trauliche Stube. Zur häuslichen Erbauung wurden Personen und Szenen der Bibel gestochen und geschnitten, auf kleinen Blättchen, für das Bedürfnis des Volkes. In diesem kleinen Rahmen war kein Raum für grosszügige Charakteristik und heroische Weiten, aber Raum genug für intime Stimmung und schlichte Poesie. Diese Blättchen erzählten dem Volke in ihrer naiv lebendigen Weise von biblischer Zeit und biblischem Leben. Da strömte neue Beseelung ein in die religiöse Vorstellung des Volkesy und^ eine Helligkeit kam in seine Andacht. Man erkannte, dass Gott nicht eine Sonne geschaffen, damit die Menschen von ihr hinwegeilen zu Einsiedeleien und den dunklen Kammern des Todes, dass Gott nicht Lust und Liebe in die Herzen gepflanzt, damit sie in bleicher Sehnsucht dahinstarren zu den Schatten einer imaginären Seligkeit. Das Leben rief die Menschen, und der biblische Geist half " den Seelen,. Askese und Verneinung zu verscheuchen. Wie in Wort so in Bild gab die Bibel der Zeit den Mut, Leben und Lebensschönheit zu lieben und sich in der Reformation zu dieser Liebe zu bekennen. Und während die Bibel die Menschen lehrte, das Leben und das Diesseits zu lieben, half sie der Kunst die Natur entdecken, die verschüttet lag unter den Trümmern der Dogmatik. Was da draussen alles lebt und zum Leben drängt, was da wächst und atmet und der Sonne Farben entlockt, das war versenkt unter tote Schichten starrer Lehrsätze, und darauf baute der Schulgeist seine Pyramiden. Wie durch ein Land der Verbannung gingen die Menschen über die Erde. Am Himmelssaum lächelte zartes Rot der Erde und der Menschheit zu, am Wege träumten die Blumen, und in der Luft schwebte der Falter; der Mensch aber sah es nicht, er ging weiter, wie ein müder WTanderer am späten Abend. Er. sah die gütige Macht nicht, die in der Natur webt; er sah in ihr nur Verfluchung und Nichtigkeit und harrte der Erlösung. Die Erlösung aber sollte „in ihrem letzten Effekt die Aufhebung des natürlichen Zustandes durch eine wunderbare Umbildung der Natur" sein. Dieser harrenden, bleichen Versonnenheit war das naturfrohe Leben der* Bibel zu fern. Ihre Sehnsucht war leidlose Seligkeit in ewiger Anschauung Gottes, der Psalmist aber schaut gen Himmel nach oben und zur Erde hinunter. Er vergisst über der Erhabenheit des Himmels und seines Schöpfers nicht die Macht desMenschen und die Lust des Daseins, und von der Seligkeit beider Welten voll, ruft-er aus : „Gott, unser Herr, wie ist Dein Name herrlich über der ganzen Erde!". Aber die Kirche und die Scholastik w ar. herrschend Die biblischen Gestalten wurden zu Trägern .von Dogmen und Vorbedeutungen gemächt und zu geistigen Wesenheiten verflüchtigt. Noch mehr als in anderen, Darstellungen wurden diese Personen mit der nur prophetischen Bedeutung ihrer Existenz aus der Wirk- 100. lichkeit hinausgehoben, aller Erdennähe entrückt und aller Verwandtschaft mit der vertrauten Welt entkleidet. Von streng abgeschlossenen Umrissen eingesäumt» heben sie sich in unberührter Silhouette von aller Umgebung ab. In geheimnisvoll stiller Bewegung scheinen sie dahinzuwandeln durch raumlose geistige Sphären. Grosse, drohend geweitete Augen blicken starr ins Unbestimmte, in eine allgemeine Ferne hinaus; nur Geist blick' daraus, Geist, der absolut geworden und sich losgelöst hat von der Parallelität mit dem Körper. Die Umgebung ist ganz neutral gehalten, keine räum-, liehe und zeitliche Bestimmtheit umgibt sie, und keinerlei Kennzeichen eines individuellen Daseins stört die rein imaginäre Bedeutung ihrer Körperlichkeit. Nur Spruch-, bänder, Schriftrollen, Symbole und heilige Geräte sind! um sie und erhöhen die sakrale Bedeutung der Erscheinung. Man ist ganz fern davon, nach dem Leben, der Menschlichkeit und dem menschlichen Schicksal! eines solchen Wesens zu fragen. Denn die lebendige Persönlichkeit mit ihren menschlichen Erlebnissen und den belebten Konturen biblischer Charakteristik hat für, diese kirchlich-scholastische Auffassung nicht mehr Be-. deutung an Leben als etwa der Turm Davids mit den 1000 Schilden, der die Tugend bedeuten soll, oder die Arche Noae und der Tempel Salomonis mit ihrer christologisch-symbolis«'hen Vorbedeutung. Werke wie etwa das „Speculum Humanae Salvationis" oder die Armenbibel sind ihrer inneren und äusseren Struktur, nach so aufgebaut, dass die Ereignisse des AT. nur. eine präludierende Bedeutung für die des NT. gewinnen. Mag ein Hirte seine Schafe weiden, ein Mädchen einem Fremdling einen Trunk Wasser reichen oder; Bileam seine Eselin schlagen, immer steht das Ereignis in Beziehung zur Erlösung der sündeverfallenen Menschheit. Im Zusammenhang mit dieser kii chlichen Auffassung und zugleich im Gegensatz zu ihr zeigt die Geschichte der Kunst eine zweite Auflassung der biblischen Gestalten, die religiöse. Die enge Beziehung zwischen Mensch und Gott in der Bjbel, die väterliche Vertraulichkeit und die greifbare B stimmtheit seines Wesens machen es möglich, die unbegrenzte Weite des religiösen Gefühls mit begrenzter Anschaulichkeit zu vereinen. Die Erhabenheit Gottes andererseits, die; Fragen nach Werden und Vergehen, die sittliche Prägung des Weltbildes und die unbezweifelte Uebereinstimmung der natürlichen Gesetzlichkeit mit dem göttlichen Willen erwecken eine Stimmung, die jedes Ereignis mit religiöser Weihe enüllt. Das Geringe wie das, Grosse wird in jene. Tiefen getaucht, wo es keines Glaubens an Gott mehr bedarf, weil er in schweigsamem Nebelwallen durch die Seele zieht. Alle tiefen menschlichen Probleme atmen diesen Geist, und ihre Darstellung ist der religiösen beizuzählen. Auch bei diesen religiösen und menschlichen Problemen, die in Anlehnung an die Bibel oder durch ihren Geist angeregt, zur Darstellung gelangen, fehlt die spezifisch künstlerische Lebendigkeit Es ist das religiöse Be-

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