Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 97 - 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kunst
Date
1904-02-01
Page
Seite 97 - 98 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583921-2589780--03648-2589833
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

97 Dr. G. Kutna: Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kunst. 98 Rede und Verlangen, lächelt gottgewisse Bejahung des Lebens, und immer klingt Hallelujah daraus, Halielujah dem Leben. So still und doch so wirklich ziehen sich die Begebenheiten manchmal hin wie frühes Morgenlicht über den grünenden Hang. Ohne Drang, ohne Leidenschaft liegt alles da, ein spielender Hauch, vom Augenblicke hingeweht; und doch ist soviel innere Sicherheit darin und banglose, lächelnde Ewigkeit. Wir werden Kinder dabei, und traumhaft spielt unser Bewusstsein. Die Vorstellungen dämmern ineinander, die Erscheinungen haben keine bestimmt begrenzte Bedeutung; die Welt lächelt nur, und wir lächeln, und Gott wandelt über die Au. Uns ist's, als sei alles mit Güte umkleidet, und — weiter lächelt der Morgen. Und solche Sonne geht in der Bibel auf, und Morgen ist's in ihrer Welt, und Kinderaugen leuchten darin, leuchten und künden, dass sie Gott geschaut. Das ist das Wunder in dem Stile der Bibel. Nicht die Begebenheiten selbst bergen alle Schönheit und Liebe, auch nicht die menschliche Sehnsucht und das göttliche Walten sind immer von jener bezwingend tröstlichen Herzlichkeit, sondern was unausgesprochen das Ganze von innen belebt. Es sind die heimlichen Fragen des Menschen und die heimliche; Antwort des Himmels, die den letzten Trost bergen. Das ist die holde Weise aus dem Hintergrunde; und hinter Wort und Klang birgt sich ein letzter musikalischer Rest. Die Menschen beten, und Gott segnet; aber das ist nicht alles. Noch einmal zieht Gott durch die Weltbund die Herzen sind seine schweigenden Boten. Durch die Herzen zieht er und lässet sie segnen, und durch die Natur zieht er und lässt Weihe und Güte in ihr leben. Und wenn er droht und straft und furchtbar Gericht hält über die sündigen Menschen/ dann scheint es zuweilen, als wende '"'Jy - •' •' V -sei^J'; > ''■ ------rr- LAZAR ROSENBERG. er sich ab, um das Mitleid nicht zu zeigen, ehe die Zeit des Erbarmens gekommen. So senkt die Bibel Herz und Menschlichkeit auch in die Gewalten ihrer Welt; denn in ihr gibt es keine Macht, bei der das Herz verbannt wäre aus der Nähe des Thrones. Nicht Naturgewalten kämpfen gegeneinander, und nicht neiden Götter einander das Leben und dem Menschen das Glück, sondern alles ist ethisiert und trägt menschlich vertraute Züge. Die Naturkräfte sind dienstlich dem göttlichen Willen, und Tod und Verheerung sind Folgen sittlicher Verirrung. Die „ ungeheuren Umrisse, die eigentümlich brennenden Farben'*4 der Mythen anderer Völker fehlen hier, alles ist heimatlich umsäumt und massvoll in der Beleuchtung. Statt der grotesken Poesie und des blendenden Kolorits ziehen Töne und Farben im ruhigen Wohllaut vorüber. Wir sehen dürftige Wesen und doch sehen wir keine Armut, denn ihre Armut ist umleuchtet von dem milden Schein inneren Lichtes; und wir sehen Höhen und Fluten von Licht, und doch behält jener milde Schein den holdesten Schimmer. Darum ist uns der Ton der Bibel in der schönsten Heimat unserer Seele so vertraut. Und als die Kunst ausging, um das Leben zu suchen, kam sie in die Gefilde der Bibel, und da war's, als habe sie das Leben und sich selber gefunden. Weniger bei den Italienern mit ihrer Neigung zu Pathetik;der Haltung und formaler Ausgeglichenheit, aber bei den Deutschen und Niederländern, da fingen die Märchen und Träume an zu leben, ein lächelndes Sinnen kam über sie, als wanderten sie durch Märchenland. Die deutschen Graphiker des 15. und 16. Jahrhunderts besonders hatten hier Böden und Ernte gefunden. Sie drangen in diese Welt ein, als habe sich ein Tor aufgetan, hinter KAUERNDES MÄDCHEN.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.