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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 101 - 102

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kunst
Date
1904-02-01
Page
Seite 101 - 102 (sequence 4)
Language
German
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101 Dr. G. Kutna: Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kunst. 102 ■\; * , LAZAR ROSENBERG. LACHENDES MÄDCHEN. dürfnis, das die Auffassung beeinflusst und in dem Stoffe das künstlerische Motiv siebt. Der artistische Anreiz der Konzeption fehlt, das Reizmittel des künstlerischen Gestaltüngsdranges ist nicht unmittelbar in der lebendig-sinnlichen Greifbarkeit der biblischen Erzählung gegeben. Aber was an künstlerischer Lebendigkeit fehlt, das ist ersetzt an menschlicher Weihe. Denn Werke spicher Art begrenzen ihre Wirkung nicht mit dem enger ästhetischen Genuss, welcher der Stunde ein Lächeln schenkt und nicht weiter fragt, wie wir mit unserem Leben fertig werden. Werke solcher Art bannen unseren eiligen Schritt und sagen uns; Ich lasse dich nicht los, ehe ich dich in alle Tiefen hinein gesegnet. Eine dritte Art der Darstellung ist die vornehmlich künstlerische, in der die Bibel den Antrieb gibt, ein Stück eigenartiger Lebendigkeit in persönlicher Auflassung wiederzugeben. Schon unter der Direktive der kirchlichen Zwecke war es der Kunst zuweilen gelungen, Wirklichkeit und Frische in die Darstellung zu bringen. Das Leben war der eigentliche Vorwurf des Schaffens,, und die Mrchliche Vorstellung, das Mysterium war nur die Gelegenheitsursaehe der Darstellung. Und was dort in unbewusster Heimlichkeit geschah, das tut man von der Hochrenaissance an hellen Tages, bis sich sogar ein umgekehrtes Verhältnis zeigt, dass bei Claude Lorrain uud Adam Elsheimer z. B. die Landschaft das Zielobjekt des Künstlers ist, - während die biblischen Personen nur den Zwecken der Staffage dienen. Hierbei ist das Verhältnis von Bibel und Kunst wieder ein ganz loses geworden: die künstlerische Schönheit hat jetzt die Geltung, die dort die kirchliche Vorstellung gehabt hat, aber das biblische Leben, hat auch hier nur geringe beeinflussende Kraft. Diese hat es erst in höherem Grade, wo Inhalt und Ton der Bibel in dem allgemeinen Lebensreichtum des Künstlers aufgegangen sind und er unabhängig von dem Einfluss« einer jeden einseitigen Betrachtung in dem Lebensausschnitt der Bibel seine eigene Menschlichkeit interpretiert. Da werden die Menschen dargestellt, wie sie mit der Fülle der Triebe und Affekte auftreten, wie sie säen und ernten auf heimatlicher Erde, wie sie auf die Berge steigen und kämpfen und sündigen und Opfer weihen der zürnenden Gottheit. Und dies gelingt besser und berührt eindringlicher, wenn keine archäologische Treue erstrebt wird, sondern der Künstler mit naiver Selbstverständlichkeit allem Leben die Färbung seines unmittelbaren Lebenskreises gibt. Die Anachronismen und Widersprüche in Kleidung, Charakterisierung und Umgebung beunruhigen nur die erste Berührung mit dem ,Kunstwerke, bei der wir den neuen Eindruck in eine inhaltliche Konsonanz mit unserer eigenen Vorstellungswelt zu bringen suchen. Ist diese erste Unruhe aber gestillt, wenn der neue Eindruck sich in die Ordnung unserer Gedankenkreise hineingefunden hat, dann kann das Erlebnis in alle Tiefen dringen und sie zur Andacht wachrufen, ohne an die Uebereinstimmung des Intellekts gebunden zu sein. Es genügt, dass der Mensch und sein Schicksal, die Seele und ihr Erlebnis geschaut sind, wie sie die Schönheit und Lebendigkeit des Körpers erhöhen, ohne dass der Eindruck eine Ablenkung erfahre durch Hinweise, wann und wo diese Schönheit geschichtliche Wirklichkeit bedeutet hat. Der Künstler wird angeweht" von dem Geist .dieser alten Zeiten; was er in der Frische seines Herzens geschaut, das setzt er in die unmittelbare Gegenwart hinein und gibt der Schönheit der Vergangenheit das Kleid seiner Zeit. Das Kleid seiner Zeit, das begrenzt nicht den Zeitenwert des Kunstwerkes; denn in dem wechselnden Kleide kann dauerndes Leben walten und dauernde Menschlichkeit. LAZAR ROSEMBERG. KIND AM SPIXXRADE.

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