Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 95 - 96

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kunst
Date
1904-02-01
Page
Seite 95 - 96 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583921-2589780--03647-2589832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

95 96 DIE GESTALTEN DER BIBEL IN DER BILDENDEN KUNST, Von Dr. G. Kutna. (Nachdruck verboten.) IL Die Kirche hatte die Bibel wie die Kunst ihrem dogmatischen Lehrgebäude dienstbar gemacht, und nicht mehr Dasein ward beiden gegönnt, als es diese Zwecke verlangten. Die Kunst durfte kein Leben suchen, und die Bibel durfte keines geben. Jenseits und Zukunft Erlösung und ewiges Heil war Inhalt und Sehnsucht aller geistigen und künstlerischen Anschauung: \ Wie in der Betrachtung des Lebens, so in der Betrachtung der Bibel. Es fehlte Lebendigkeit und Frische, gesunde Jugend und yolle Farbe. Und dennoch. Wo einmal aus einem Volke Schönheit hervorgewachsen ist in ruhiger Entfaltung natürlicher Triebkraft; da kann Jahr um Jahr kommen und daran wittern, es behält darum immer Leben und Farbe. Trotz des Zwanges lebloser, fremder Begriffe, trotz des Blütenraubes rationalistischer Verheerung war die Bibel reich und ergiebig an künstlerischer Schönheit. Und wenn die Zeitströmung mit ihren unkün^ tierischen Tendenzen sich entgegenstellte, da erzwang oft die Bibel von der Kunst die künstlerische Schönheit. Soviel lebendige Wirklichkeit atmet in ihr, und soviel Gegenwart liegt in ihrem plastischen Stil. Die Vorgänge sind in ihrer vorstellbaren Körperlichkeit geschildert, und die innere Bewegung wird im Zusammenhang mit der sinnlichen Erscheinung wiedergegeben: „Und Abraham erhob seine Augen und sah", und .Jacob hob seine Füsse und ging"; Gott „strecket die Hand aus" zu strafen, „die Erde tut ihren Mund auf" zu verschlingen. Judas' Gebiet soll reich sein an Weinbergen, lässt die Bibel den Patriarchen vorhersagen, und da liegen sie vor unseren Augen und — „er bindet an den Weinstock sein Füllen — und an die Rebe das Junge seiner Eselin,.— und er wäscht im Weine sein Kleid — und im Blute der Trauben sein Gewand". Wir glauben, sie vor uns zu sehen, diese üppigen Trauben und den üppigen Winzer. Auch wo die Spannpunkte der Erzählung so zueinander stehen, dass man nach der seelischen Reaktion verlangt, die Bedeutung oder das Motiv der Handlung erwartet, da werden diese mit der Fortführung des realen Geschehens selbst gegeben. In dem äusseren Tun liegt zugleich die innere Bedeutung; das Leben hat seine Tiefe, und doch wird die Lebendigkeit nicht unterbrochen durch eine Dazwischenkunft des Spirituellen. Jacob muss aus dem Elternhaus fliehen, er zieht in eine unbekannte Fremde, Gott ist ihm erschienen, und nach der einsam langen Wanderung trifft er Rahel am Brunnen vor der Stadt. Und nichts erzählt die Bibel von der Einsamkeit und Bangigkeit der letzten Tager nichts von der Freude bei dieser bedeutungsvollen Begegnung; sie erzählt nur den sichtbaren Reflex dieser Seelenvorgänge: „Und Jacob küsste die Rahel — und er erhob seine Stimme und weinte". Wird aber die Handlung begründet oder in ihrer Bedeutung erklärt, dann geschieht dies meist in der Form, dass das psychische Moment sich an die sinnlich reale Ausdrucksform anlehnt und sa die Vorstellbarkeit und Lebendigkeit der Handlung mit Klarheit verbindet: „Und er traf einen Ort, und er übernachtete dort — denn die Sonne war untergegangen", „ . . und sie kamen und schöpften und füllten die Rinnen, — um die Schafe ihres Vaters zu tränken". Selbst wo es sich um Inspiration oder um die Erscheinung Gottes handelt, gestattet die religiöse Vorstellung der älteren Zeit diesen körperlich wesenhaften Charakter des Stils: „Und Gott stieg herab auf den Berg Sinai — auf den Gipfel des Berges — und Gott rief Moses auf den Gipfel des Berges — und Moses stieg hinauf". Das Geistige und Transscendente ist so mit Leben umkleidet, alles hat Greifbarkeit und diesseitige Lebensfülle. Der Inhalt ist ein rein menschlicher, ohne Idealisierung, ohne Pathetik von aussen her. Die Menschen gehen über den Acker, und das Vieh über die Trift. Und nichts ruft uns zu, dass wir horchen sollen, dass sich hier etwas abspielt, das gesehen werden will. Alles ist von innen heraus schön wie ein Ackerfeld, das befruchtet daliegt im Abendschein. Immer der Mensch auf seiner Scholle und Erdgeruch weithin um den Menschen. Der psychologische Charakter so elementar einfach und so absichtslos bedeutsam, dass sich die schlichte Erzählung langsam und bedächtig aus wächst zu der Geschichte von den ewigen Tiefen der menschlichen Seele. Das erzählt die Bibel, und so erzählt sie es; und wie sollte dies je erdrückt werden können von dem.ärmlichen Scharfsinn erdachter Systematik. Wollte auch eine Zeit die biblischen Personen zu Sinnbildern, LehrbegrifTen und blutlosen Idealen machen, es war in diesen Gestalten zuviel lebendiges Dasein, das die Kunst nicht vergessen Hess, dass ja das Leben ihr Element Ist. Es gelang nicht, diese erdentsprossenen Menschen zu zeitlosen Vorbildern ohne Leidenschaft und Sünde zu machen. Hinter dem blassen Ideal der Vorstellung und Vergeistigung hoben sich feste Umrisse selbstfreudigen Menschendaseins ab. Mit dem biblischen Namen, den die sinnbildliche Gestalt trug, drang Leben in sie ein, und über die Jahrhunderte schauten Augen in die Gegenwart hinein mit der Glut und dem Willenstrieb ihres einstigen Lebens. Und was zum Schönsten gehört bei der Bibel, jenes sanfte Lächeln, das sich hinter allem verbirgt und das so heimlich stille beseligt, das war der Kunst, was der Morgentau der Pflanze ist. Hinter allem, was da lebt an Tat und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.