Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Das westjüdische Kulturproblem
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 85 - 86 (sequence 7)
- Language
- German
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So Kulturform nicht für bare Zukunft genommen werden. Es ist ja möglich, dass der Gegenseitigkeitsdrang doch nicht stark und nachhaltig genug wirken wird, um die Gemeinsamkeits- Atmosphäre, von der die Rede war, entstehen zu lassen. Aehnlich bezweifelten wir ja auch, dass die nationale Energie der Juden ausreichen werde, um eine iüdische Sprachgemeinschaft westlicher, namentlich der deutschen, Juden zu begründen. Was ist es überhaupt mit diesem Drang, mit dieser Energie, die doch offenbar so o' o 7 ziemlich dasselbe sind? Sie sind vorhanden, die „jüdische Note" legt Zeugnis von ihnen ab. Gut. Aber wer bürgt dafür, dass sie nicht überhaupt im Schwinden begriffen sind? Werden sie der mächtigen Umschlingung durch die Kulturen und Sprachen der Westvölker, namentlich durch die deutsche Kultur und Sprache entrinnen können? Muss der jüdische Tropfen in diesem Meere nicht immer mehr und mehr seine jüdische Sonderfarbe verlieren, bis schliesslich der ganze Farbstoff in unendlich kleine Teile zerlegt ist und aufgehört hat zu sein? Diese Betrachtungen, die uns nicht nur den •schönen Traum einer neuen jüdischen Kulturblüte bei den westlichen Juden zu zerstören drohen, sondern uns auch noch um das letzte, was uns geblieben ist, die „jüdische Note", zittern lassen, haben natürlich keine zwingende Beweiskraft, sondern nur Wahrscheinlichkeitswert. Diesen besitzt aber auch die entgegengesetzte Auffassung. Der mächtigen Umschlingung durch westliche Kulturen und Sprachen kann die geschichtlich erwiesene Eigenartsbeharrlichkeit der Juden vielleicht doch Widerstand leisten, zumal wenn ihr durch Zuflüsse aus dem Osten immer neue Nahrung zugeführt wird. Und ist es nicht auch möglich, dass die Emanzipation und die sogenannte Assimilation selbst dem Eigenartstrotze zuletzt zu Hilfe kommen — diese, indem sie ihn reizt, jene, indem sie ihm breiterenRaum verschafft? Wohl ist keine Gewähr dafür vorhanden, dass auch in diesem besten Falle das Judentum der westlichen Juden über die „jüdische Note" hinausgeht. Aber man glaube nicht, dass diese und die Werke setzende jüdische Vollkultur zwei Dinge sind, zwischen denen es keine Brücken geben kann. Vielmehr gehen von der Kulturnote E .iwickelungsmöglichkeiten bis zu den höchsten Kulturspitzen empor. Je häufiger und zahlreicher die jüdischen Motive an den Kulturwerken der Westjuden werden, desto mehr Wahrst scheinlichkeit ist vorhanden, dass auch der Gegenseitigkeitsdrang, der die Westjuden zu den Ostjuden und vice versa hinüberzieht, anwächst. Je stärker dann dieser wird, desto mehr ist die Möglichkeit einer gemeinsamen Geistesatmosphäre gegeben. Und wird diese als hergestellt gedacht, so ist auch der Schritt zur Sprachgemeinschaft nicht ausgeschlossen. Wie aber diese zumindest die Tendenz hat, an geeigneten Entwickelungspunkten zur Landgemeinschaft überzuleiten, das beweist die ostjüdische Landsuche, die von ganz anderer, innerlicherer, kulturinnigerer Art ist als der politische Programm-Zionismus des Westjuden. Wir sehen also, dass es für die Lösung des westjüdischen Kulturproblems gewiss nicht ohne Bedeutung ist, wenn zunächst nur diese jüdische Note gesichert erscheint oder gar erhofft werden darf, dass sie einer weiteren Vertiefung und Ausprägung entgegengeht. Diese Emporentwickelung von der „jüdischen Note" aus wird in ihrer inneren Folgerichtigkeit noch verständlicher, wenn man sie in der Erscheinungsform der entsprechenden subjektiven Willenshandlungen und Bestrebungen betrachtet. In einer die Linien der Entwickelung suchenden westjüdischen Kulturpolitik muss auch das Geringste, was wir für die Wirkung unserer jüdischen Eigenart tun wollen oder richtiger tun müssen, so beschaffen sein, dass es auch den weitesten und entferntesten Kulturmöglichkeiten vorarbeitet. Darum liegen uns natürlich alle jene Bestrebungen am nächsten, die auf eine weitere Vertiefung und Ausprägung der „jüdischen Note" gerichtet sind. Allerdings ist gerade hier der kleinste Spielraum für bewusste Unternehmungen vorhanden. Denn da es sich um Motive, nicht um selbständige Werke handelt, wirkt die Eigenart zu heimlich, als dass die Illusion in uns aufkommen könnte, wir wollten es so. Immerhin ist aber eine Art indirekter Pflege der „jüdischen Note" dadurch denkbar, dass diejenigen, die sie auf gleichem Felde aufweisen, in engeren geistigen Verkehr und in eine Art materiellen Gegenseitigkeitsverhältnisses zueinander treten. Am leichtesten wäre, wie ich glaube, eine Vereinigung jener Schriftsteller zu begründen, die Gewicht darauf legen, trotz ihrer nichtjüdischen Sprache, als jüdische Schriftsteller zu gelten. Natürlich kommen hierbei die einzelnen Sprachgebiete gesondert und in erster Linie das deutsche Sprachgebiet in Betracht. Ein breiteres Feld für jüdische Kulturtätig- Mathias Acher, Wien: Das westjüdische Kulturproblem.