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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 87 - 88

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Das westjüdische Kulturproblem
Date
1904-02-01
Page
Seite 87 - 88 (sequence 8)
Language
German
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87 Mathias Acher, Wien: Das westjüdisclie Kulturproblem. 88 keit kann uns durch die bereits bestehenden und noch vielfach enger zu gestaltenden Gegenseitigkeitsbeziehungen zwischen den Juden der verschiedenen Länder und Zungen eröffnet werden. Namentlich, wie schon hervorgehoben, durch einen regen geistigen Austausch zwischen den West- und Ostjuden. Sache, speziell der Westjuden muss es sein, endlich einmal die Ostjuden kennen zu lernen. Dazu müssen sie sich in erster Linie mit den beiden ostjüdischen Nationalsprachen vertraut machen. Und ich kann nicht unterlassen, hervorzuheben, dass mir in dieser Hinsicht die Kenntnis des Jüdischen, des sogenannten „Jargons", der wirklich gesprochenen Volkssprache, noch weit wichtiger erscheint, als des Hebräischen, das der Volksseele nicht so in ihre allerfeinsten Faserchen folgt. Uebrigens gewinnt andererseits die Pflege des Hebräischen durch den Ausblick auf jene Sprachgemeinschaft, von deren Möglichkeit oben die Rede war, an erhöhter Bedeutung. Natürlich gibt es gegen jüdische Kulturbestrebungen, namentlich im Westen, Proteste von den verschiedensten Standpunkten. Besonders beliebt ist die meistenteils im Sinne der sogenannten Assimilation erhobene Einwendung, dass sich zwei Kulturen in einem Volke durchaus nicht vertragen, oder einfacher ausgedrückt, dass ein Volk nicht zwei Nationalitäten haben könne. Nun, es mag das ja kein wünschenswerter Zustand sein, aber die Entwickelung fragt nicht nach unseren Wünschen, und wir handeln vernünftig, wenn wir unsere Wünsche der Entwickelung anpassen. Die Entwickelung ist mächtiger als unsere Schemata, sie ist allmächtig. Sie hat einen Teil des jüdischen Volkes so gebildet, dass er nun deutsche Kultur mit jüdischem Anstrich aufweist. Sie kann ihm auch noch einer jüdischen Kultur mit deutschem Anstrich zuführen. Und vielleicht auch einer neuen Kultur, in der beide Urarten in ziemlich gleichen Mengen verarbeitet sind. Es gibt keinen erfolgreichen Widerstand, gegen erfolgreiche Tatsachen. Und übrigens wird auch der Versuch zum Widerstand aufgegeben werden, bis bessere Menschheitszeiten kommen, bis die einzelnen Nationen einsehen, dass ihre Kultur nichts verliert, wenn neben ihr, und zum Teilin den innigsten Beziehungen zu ihr, eine jüdische Kultur wohnt; und die Juden, dass sie sich dem Kultureinfluss der betreffenden Nationen hingeben können, ohne sich ihm opfern zu müssen. Von einer anderen Seite pflegt man jüdischen Kulturbestrebungen die Frage Entgegenzusetzen: Was sollen sie nützen? Was hat man schon davon, wenn es eine jüdische Kultur gibt? Ist den Juden damit geholfen? Ich könnte mich diesen Fragen anbequemen und brauchte nur auf die schweren Missstände hinzuweisen, die daraus entstehen, dass die Westjuden trotz ihres verhältnismässig niedrigen Eigenkultur-Niveaus auf die unmittelbaren Geschicke der ganzen Judenheit einen so grossen Einfluss üben, dass sie verfügen, ohne zu verstehen. Ich könnte für die Westjuden die Kultur nur deshalb reklamieren, damit sie wirklichen Anteil an. der jüdischen Renaissance erlangen. Aber ich ziehe es vor, auch die Herkunft der Fragen zu beleuchten: Dass sie aus dem alten, nie versiegenden Quell von Philisterweisheit fliessen. welche allen höheren Genüssen und Befriedigungen, die sich auch durch Not und Druck nicht ausrotten lassen, ja sie oft genug stark übertönen, verneinend gegenübersteht. Verdient denn Kultur nicht um ihrer selbst willen gepflegt zu werden? Und würde sie jemand pflegen wollen, wenn sie nicht als Forderung in ihm lebte? Und was ist denn Nationalität anderes als Kultur? Glaubt man wirklich mit politischem „Nationalismus" die westliche Judenheit dem Judentum wiederzugewinnen? Welcher Irrtum! Mich dünkt: was der jüdische Nationalgedanke vorläufig im Westen braucht, sind nicht „Nationaljuden", welche die jüdische Kulturnuance nicht um einen Farbenton kräftiger machen, sondern Juden schlechthin — und seien es auch „ Assimilanten" —, deren jüdischer Wesensteil die Tendenz hat, sich zu vergrössern und zu vertiefen.

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