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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 83 - 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Das westjüdische Kulturproblem
Date
1904-02-01
Page
Seite 83 - 84 (sequence 6)
Language
German
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Mathias Acher, Wien: Das westjüdische Kulturproblem. 84- Interesse haben. Wohl ist diese Zukunft noch entfernt, aber unsere Zeit steht bereits in ihrem Anziehungsbereich, jedes Jahrzehnt verstärkt ihre Anziehungskraft. Und wenn daher unsere Menschheit auch noch lange nicht reif ist, die Religionssysteme zu entbehren, so ist jedenfalls die geschilderte Anziehungskraft stark genug, um ihr die Freude und damit auch die Fähigkeit zu religiösen Neugründungen zu verderben. Das gilt nun aber ganz besonders von den Juden, zumal von den westlichen. Wobei man sich nicht von einigen rassendünkelhaften Schriftstellern — die man Charlatane nennen würde, wenn sie Juden wären — das Märchen von der religiösen Impotenz der Juden aufbinden lassen darf. Die Juden haben ebenso wie die arischen Völker die Fähigkeit, sich enthusiastisch in sich selbst und die Dinge zu versenken. Man sehe sich nur ihre Künstler und sozialen Apostel an! Und ihre religiöse Impotenz ist in Wahrheit eine sehr starke Potenz, die sich allmählich auf dem Wege der Auslese bei ihnen heimisch machte, die aber auch unter den Ariern nicht fehlt: in der emporsteigenden Schicht der Proletarier und dann bei allen klaren und reifen Denkern. Diese „Impotenz" ist nichts anderes als ein Immunsein gegen alle die lärmenden Versuchungen zum Rückfall in einen Nebel von Stimmungen, Empfindungen und Trieben, den die heutige Menschheit auf ihrer Entwickelungshöhe tief unter sich sehen darf. Wollte mannun aber annehmen, dass der Menschheit vor dem endgültigen Ende aller Einschachtelung des Religiösen in religiöse Systeme doch noch einige Religionsgründungen gelingen könnten, so ist doch kaum anzunehmen, dass diese Möglichkeit in einer westjüdischen Nationalreligion zur Wirklichkeit werden wird. Denn eine Nationalreligion kann nur aus einer aus dem Vollen schaffenden Volksseele quellen, nicht aus einer solchen, die sich bis auf einen Farbenton verflüchtigt hat oder zu verflüchtigen anschickt. Wenn überhaupt, kann die lebendige Religion nur der Schlussstein eines neuen jüdischen Kulturbaues, niemals ihr Grundstein sein. Dennoch wird den meisten der Gedanke, dass es die westlichen Juden vielleicht noch zu einer lebendigen jüdischen Religion bringen, viel plausibler erscheinen als der andere, dass sie noch jemals durch eine eigene jüdische Sprachgemeinschaft verbunden sein könnten. Mich dünkt diese letztere Annahme weniger utopisch. Allerdings darf man dabei nicht an eine gesprochene Sprache denken. Aber es ist nicht unmöglich, dass mehrere Wellen nationaler Energie, wie sie noch manchmal aus dem Innersten der jüdischen Volksseele auch im Westen hervorsprudeln, ein grösseres Quantum an Kenntnis der hebräischen Schriftsprache, wie sie im Osten lebt, erzeugen, und dass dieses Quantum dann als Formenhülle westjüdischer Kultur fortlebe. Doch gebe ich gerne zu, dassdiese Entwickelung nicht sehr wahrscheinlich, dass wenig Aussicht auf genügend starke und weitwogende Energiewellen und genügend grosse Sprachquantitäten vorhanden ist. Wir haben bisher aul der Suche nach einer festen Form, in der eine neue jüdische Kultur des« westlichen Judentums zur Wahrheit werden soll, nicht viel Glück gehabt. Die Landform kommt überhaupt nicht in Betracht, die Religionsform ist aussichtslos, die Form der Sprachgemeinschaft — die übrigens auf dem besonderen Gebiete der Literatur die einzig mögliche Form für selbständige Kunstleistungen darstellt — höchst unwahrscheinlich.. Damit sind alle bekannten Formen erschöpft. Aber warum sollte nicht eine Form denkbar sein, die bisher unbekannt ist? Vielleicht sind alle die alten Formen für den subtilen Fall, um den es sich hier handelt, zu massiv. Vielleicht ist für ihn so ein Mittelding zwischen Form und Formlosigkeit notwendig, eine Form, die nicht greifbar, aber doch ein eigenes wirkendes Tatsachengebiet ist. Vielleicht kann uns die Gegenseitigkeit diese Form bringen. Ich meine die Gegenseitigkeit, der inj den verschiedenen Ländern verteilten Gruppen unseres Volkes, der Drang dieser Gruppen, einander näher zu treten und zu ergänzen, miteinander zu arbeiten und voneinander zu lernen. Wenn sich namentlich den westlichen Juden die ostjüdische Welt in ihrer ganzen, auf der doppelten Sprachgemeinschaft des Hebräischen und des Jüdischen ruhenden Kultursouveränetät aufgetan« haben wird, muss da nicht eine kulturschöpferische Atmosphäre geistiger Gemeinsamkeit entstehen? Wird in dieser Atmosphäre nicht zunächst ein tieferer und gründlicherer Betrieb der Wissenschaft vom Judentum und seinen Leistungen möglich und dadurch die geistige Gemeinsamkeit noch erhöht werden? Und wird nicht dann die Zeit für eigenjüdische ganze Werke auch im Westenr auch auf deutscher Erde, wieder gekommen sein? Natürlich kann und darf auch diese Hoffnung, auf eine jüdische Geistes-Gegenseitigkeit als.

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