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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 77 - 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Das westjüdische Kulturproblem
Date
1904-02-01
Page
Seite 77 - 78 (sequence 3)
Language
German
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77 Mathias Acher, Wien: Das westjüdische Kulturproblem. 78 kommt aber auch das künstlerischevMoment hinzu. Die Kulturprobe wird nicht mehr mit der Sprache allein als einer Schöpfung für sich, sondern, mit Werken der Kunst gemacht. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten der Beobachtung an bestimmten greifbareren Gegenständen. Die Untersuchung hat nun auch in der Auffassung, in der Komposition, im Horizonte und in der Perspektive des Dichters die jüdische Nuance festzustellen. Und das gelingt fast immer. Ich möchte als zwei, nicht bloss zeitlich geschiedene Beispiele Heinrich Heine und Georg Hirschfeld anführen. Nur die Dummdreistigkeit der Antisemiten vermag ihnen den Titel deutscher Dichter abzusprechen. Aber andererseits bringt es auch nur oberflächliche politische Assimilationsmeierei zuwege, jenes — ich möchte sagen — Nebendeutsche zu übersehen, das in ihnen wirkt: den subjektiven Lyrismus, der in der iüdischen Geistesgeschichte bald als Prophetenmacht, bald als massloser Seelenerguss, bald als weinendes Lachen auftritt. Von den anderen Künsten kenne ich die Musik gar nicht. Aber gerade hier soll, wie ich höre, das Judentum eine sehr deutliche Nuance sein — natürlich wieder in ganz anderem Sinn, als kunstantisemitischerseits vom „Judentum in der Musik" gesprochen wird. Hinsichtlich der bildenden Kunst wurden ja gerade in der letzten Zeit Bemühungen gemacht, einen Ueberblick über die Leistungen jüdischer Maler und Bildhauer zu gewinnen. Es gelang dabei nicht, eine ausgesprochene „Jüdische Kunst" festzustellen — hier selbst im Osten nicht. Doch musste jedem Beobachter der zusammengestellten Werke — zumal bei den bedeutendsten derselben — die gemeinsame Note auffallen. Wieder jener subjektive Lyrismus, der über alle Schranken hinausgeht, der die Schönheit nicht im Endlichen, sondern im Unendlichen sucht. Ich möchte hier beispielshalber Lesser Ury, namentlich sein Triptychon „Der Mensch" anführen. Wer wie ich das Wesen der Kunst nicht aus den Kunstleistungen, sondern aus der Wesensart des Künstlers zu erklären sucht, muss dazu gelangen, auch die höchsten Betriebsformen der Wissenschaft als künstlerisches Tun anzusehen. Hier und in der Methodik, sowie in der Philosophie, der Verknüpfung aller Wissenschaften, kommt jedenfalls auch das nationale Kulturmoment zur Geltung. Allerdings hat es die jüdische Note in dieser viel unsinnlicheren Umgebung nicht leicht, aufzufallen. Mir fehlt auch die Vielseitigkeit, um ihr da überall nachzuspüren. Doch scheinen mir speziell in der Sozialökonomie ihre Spören recht deutlich wahrnehmbar zu sein. Aus derselben Geistesquelle wie die Kunst stammt die Religion, wie man denn auch manchmal alles, was im Menschen zur enthusiastischen und alogischen Erfassung der Dinge drängt, mit dem Worte Religion bezeichnet. Hier haben wir es aber nicht mit diesem erweiterten Begriffe der Religion, sondern mit der Religion im üblichen Sinne, mit dem Enthusiastischen und Alogischen insoweit zu tun, als es sich den sogenannten letzten Dingen zuwendet. Und auch damit nicht als innerem Vorgehen in den Einzelmenschen des jüdischen Stammes im Westen, sondern als Summe äusserer Einrichtungen, als religiösem System. Ganz so, wie wir es nicht mit dem Kunstempfinden der Einzelnen, sondern mit Kunstwerken zu tun hatten. Nun ist es ja offenkundig, dass in der Religion der Westjuden von viel mehr als einer jüdischen Note gesprochen werden muss. Sie geht ja auch zu unmittelbar aus dem eigentlichsten und innersten Kern der jüdischen Kultur hervor. Und doch, während wir in Sprache und Kunst die blosse Note als ein sieghaftes Ausharren des jüdischen Prinzips in der deutschen Kulturumgebung fühlten, empfinden wir hier eine Schwächung des jüdischen Prinzips durch vulgäre deutsch-christliche und allerdings auch andere Vorstellungen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde. Dort sieht man das jüdische Prinzip auf fremdem Kulturboden sich behaupten, hier auf eigenem zurückgehen. In jedem Lalle besitzt die westliche Judenheit in der jüdischen Note, die ihrer Sprache und ihren Kunstwerken anhaftet — ein Stück jüdischer Kulturart, das nicht unterschätzt wrrden darf. Es ist eigene Seele in ihm, wie in den Motiven, die ein genialer Baumeister in einen Bau von ganz anderem Grundstil prächtig hineingearbeitet hat. Aber die Baudenkmäler sind sie eben nicht, die man in stolzer Eigenpracht aus ihnen aufführen könnte. Sie sind Ideen und keine Werke. Was fehlt ihnen, um sich zu Werken zu gestalten? Ganz falsch ist die Ansicht, dass eine politische Nationalitätsbewegung diesen Effekt erzielen könne. Eine politische Nationalitätsbewegung kann die Wirkung nationaler Eigen-

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