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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 75 - 76

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Das westjüdische Kulturproblem
Date
1904-02-01
Page
Seite 75 - 76 (sequence 2)
Language
German
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75 Mathias Acher, Wien: Das wcstjüdische Kulturproblem. 76 zogen werden. Denn Tatsachen stehen überhaupt ausserhalb jeder Moral. Sie können nicht sittlich gewertet, sondern nur nach Ursache, Inhalt und Wirkung festgestellt werden, woraus sich die mannigfaltigsten Fragen ergeben können. Hinsichtlich der Assimilation ist die wesentlichste und für uns wichtigste die: Wie weit kann man überhaupt von ihr sprechen, d. h. wie weit wird durch sie in der westlichen Judenheit — und speziell in der deutschen, auf die wTir uns als eine Art Paradigma der Einfachheit halber im nachstehenden meistens beschränken wollen — die Wirksamkeit der nationalen Eigenart aufgehoben? Dass bereits eine absolute Assimilation, also eine gänzliche Aufhebung des Jüdischen in den deutschen Juden stattgefunden haben soll, wird wohl nicht behauptet werden wollen. Doch möchte ich nicht den Gegenbeweis der Rassentheoretiker akzeptieren. Nicht, als ob ich einen Augenblick daran zweifelte, dass die deutschen Juden einer anderen — oder vielleicht genauer: einer anders gemischten — Rasse angehören als die Deutschen, sondern weil ich bei der Bestrittenheit des Rassenprinzips, namentlich für die Erklärung des Nationalen, einem solchen indirekten Beweise durch Rückschluss jedenfalls den direkten durch die Erfahrungstatsachen des besonderen Falles vorziehe. Eine absolute Assimilation der deutschen Juden läge nur dann vor, wenn ihrem Wesen und Schaffen keinerlei undeutsches Element mehr anhaftete, wenn sie an der deutschen Kultur im selben Masse und in derselben Art arbeiteten wie die Deutschen selbst. Daraufhin muss das Verhalten der deutschen Juden untersucht werden. Doch muss man sich gerade bei dieser Untersuchung vor der bereits erwähnten Verwechselung des kulturellen mit dem zivilisatorischen Element hüten. Der Umstand, dass die deutschen Juden auf derselben Wirtschaftsstufe stehen wie die Deutschen, gibt noch kein Recht, sie dem deutschen Kulturkreis zuzurechnen. Man müsste sonst die grössten und differenziertesten Nationen als zu einem Kulturkreis gehörig betrachten. Andererseits reicht der Umstand, dass die Juden infolge der geschichtlichen Voraussetzungen auf gewissen Punkten der nationalen oder sozialen Wirtschaft dichter stehen als die Nichtjuden, und dass sich hieraus gewisse Intensitäts-Eigentümlichkeiten für sie ergeben, gewiss noch nicht aus, um die volle Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Kulturkreis in Zweifel zu ziehen. Diese Eigentümlichkeiten hätten sich auch bei jeder stammdeutschen Gruppe mit gleichen geschichtlichen Voraussetzungen genau so entwickeln müssen. Wohl wirkt das national-kulturelle Moment auch auf ökonomischem Gebiete, aber es modelt nicht am Sachlichen, Stofflichen der Wirtschaft, nicht an der Wirtschaft selbst als an der Organisation der vorhandenen Kräfte zu Wirtschaftszwecken, sondern bestimmt nur Erwerbslind Verkehrsgewohnheiten, -Fähigkeiten vixid -Methoden. Aber will man sich nicht an die tendenziösen und schon deshalb oberflächlichen Darlegungen der Antisemiten halten — die übrigens grösstenteils die oben erwähnten Intensitätsunterschiede für kulturelle Artunterschiede ansehen und ausgeben —, so hat man vorläufig keine Handhabe, hier zu einigermassen sicheren Erkenntnissen zu kommen. Diese Wirtschaftskultur ist nämlich ein Teil der Kultur des Alltagslebens eines Volkes und drückt sich deshalb in so unendlich vielen Zügen ungezählter Einzelner aus, dass sich daraus schwer ein Gesamtbild zusammensetzen lassen kann. Ein solches muss man vielmehr dort zu gewinnen suchen, wo eine begrenzte Anzahl von Werken, von Schöpfungen in ihren ausgesprochensten Eigenschaften den ganzen Inhalt der Kultur eines Volkes ausdrücken. Als solche Gebiete sind namentlich die Sprache, die Kunst und die Religion zu betrachten. Jede Sprache ist in allem, was ihr Unterscheidendes gegenüber anderen Sprachen ausmacht, eine grosse elementare Schöpfung ihres Volkes. In ihrem schmiegsamen Material — Wort, Satz und Stil — prägt sich die Eigenart des Volkes deutlich aus. Nun ist zwar die Sprache der deutschen Juden gegenwärtig fast durchaus die deutsche, aber es gibt eine Nuance in diesem Deutsch der deutschen Juden. Nichtdas „Mauscheln" meine ich — das häusliche Rudiment einer Entwicklung, die sich im Osten so schön gestaltet hat —, sondern jene eigentümliche geistige Betonung, die bei aller Deutschheit der Sprache auf dem Deutsch der Juden ruht. Wer sich in deutsch sprechenden jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaftskreisen bewegt, muss den kaum in Regeln fassbaren, nur mit Gemüt und Geschmack zu fassenden Unterschied zwischen dem Deutsch der einen und der anderen kennen. Greifbarere Formen nimmt dieser Unterschied in der Sprache der Literatur an. Hier

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