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Ost und West · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. Seite 79 - 80

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Das westjüdische Kulturproblem
Date
1904-02-01
Page
Seite 79 - 80 (sequence 4)
Language
German
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79 Mathias Acher, Wien: Das westjüdische Kulturproblem. 80 kultur sein, ihre Voraussetzung ist sie niemals. Nationale Eigenkultur kann nur in testen Formen gedeihen — in Formen, die den nationalen Geist zwingen, sich zu eigenen Ganzwerken zu verdichten. Und insofern ist ja auch die Argumentation der Zionisten richtig, dass ein eigen Land -unfehlbar eine eigene Kultur erzeugen müsse. Sie denken nur zu wenig an die lange, lange Zwischenzeit, die im besten Falle bis dahin verlaufen muss, und, was die Hauptsache ist, an die Millionen von Juden, die auch später in der Zerstreuung leben werden. . Wer aber, um das Kulturschicksal des jüdischen Volkes besorgt, diese beiden Umstände nicht übersehen will, dem drängt sich die Frage auf: Was für erreichbare •reale Form muss gegeben sein, um den Juden .des Westens - einen positiven Kulturinhalt zu sichern? Eine Betrachtung der ostjüdischen Verhältnisse kann , uns vielleicht auf die richtige Fährte leiten. Dass es eine ostjüdische Kultur gibt, wird wohl kein Eingeweihter mehr bezweifeln. Sie könnte nun nicht bestehen, der ostjüdische Geist, müsste sichin alle Winde verflüchtigen oder, wie ' der .westjüdische, nur als , Spur an fremden Werken, haften, wenn es keine Formen gäbe, die ihn als; eigenen, selbständigen zusammenhielten. Diese ■ Formen sind eine ältere :und eine jüngere: die eine das altjüdische Schrilttum — wie ich lieber, und richtiger statt Religion, sagen möchte —,. die andere die Sprachgemeinschaft. Es ist. nur sehr, begreiflich, dass gerade an die erstere Form sich noch viele Hoffnungen .knüpfen.; Ist.sie. ja im Westen die letzte selbstständige Kultureinrichtung , des Judentums. Und -wenn; sie' auch nicht lebendiger als im Osten ist, •jä. noch obendrein - mit fremdem Geschnörkel „sinnlos, behangen, so mancher, sagt, si.ch: sie ist .doch da;..man kann sie vielleicht doch noch zu neuem gesunden-Dasein, zu junger kräftiger Unabhängigkeit bringen. Wie, wenn, in ihrem -Rahmen den Westjuden wieder ein neues, reiches .Kulturleben erwüchse! Als ein. Versuch; in diesem Sinne stellt. sich die Rechtgläubigkeitsbewegung der letzten Jahrzehnte dar. ..Der; Versuch . ist. völlig misslungen. Die deutsch-jüdische Orthodoxie hat, -ganz abgesehen von ihrer verhältnismässig gelingen Verbreitung, in keiner Weise das alte lebendige Glaubensjudentum hergestellt. Sie hat auch nicht vermocht, ihren Anhängern den faden deutschkirchentümlichen Philisterbeigeschmack zu benehmen. Allerdings, in der sogenannten Reform strebt diese Art Deutschtum höher hinauf, nach jener durchgreifenden Geltung, wie sie das jüdische Sprach- und das jüdische Kunstdeutscbtum besitzen, die nur Raum für eine jüdische Note zurücklassen. Und obendrein winkt hier in der Note kein mit alter Kraft errungener neuer Wert, sondern ein von altem Wert zu neuem Unwert herunterverdünntes Etwas. Aber ist denn das Uebel in/der Neuc v f ' Orthodoxie, wo zwar das Nichtjudische als Beiwerk erscheint, dafür aber der jüdische Grundton selbst von seiner stolzen Werthöhe herabgekommen ist, wirklich kleiner? Nun pflegen allerdings diejenigen, die aut die Religion als Grundform eines jüdischen Kulturbaues der Zukunft ihre Hoffnungen setzen, dabei nicht die Orthodoxie im Sinn zu haben, sondern ein neues oder erneutes jüdisches Religionssystem, eine neue lebendige Entwickelung. Es soll dies eine Entwickelung sein, die zum Unterschiede von der sogenannten Reformbewegung ihre Antriebe nicht, ausserhalb des Judentums sucht, sondern aus dem Judentum selbst herausholen soll. Das hört sich ja sehr schön . an, will mir aber nicht aussichtsvoll scheinen. Zunächst aus einem allgemeinen (jesichtspunkte. Ich glaube nämlich trotz aller neureligiösen Geschäftigkeit, trotz aller Klagen über die von niemandem bestrittenen Grenzen der Wissenschaft, und, was das Wichtigste ist, trotzdem die Völker noch eine Zeitlang ohne „Religion" nicht werden auskommen können und -wollen, ich glaube trotz alledem nicht an die Religionen bildende Kraft der Zukunft. Ich will damit selbstverständlich nicht . sagen, dass die Menschen der Zukunft des religiösen, .Gefühls in seinem weitesten und wahrsten Sinne, als Drangs zur enthusiastischen, alogischen; Erfassung der Dinge ermangeln; auch nicht einmal,; dass sie sich zumindest von den sogenannten letzten Dingen abwenden werden. Ich leugne nur, dass sie sich diesen letzten Dingen , so vorzugsweise widmen werden, um sich weiter zur Bildung von Religionssystemen gedrängt zu fühlen. Die zukünftige Menschheit, die von alten Vorstellungen, welche den Menschen zum Mittelpunkt der Naturgeschehnisse machen, befreit und andererseits von dem Gefühle sozialer Sicherheit erfüllt sein wird, wird an solchen Systemen kaum mehr

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