Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kunst
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 55 - 56 (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. G. Kutna: Die Gestalten der Bibel in der bildenden Kirnst. 56 kirchlich-religiöser Vorstellungen bewegte, musste die Kunst alles Leben, das sie darstellen wollte, der Welt dieser Vorstellungen entnehmen und in dem Geiste dieser Vorstellungen zur Darstellung bringen. Nicht der Mensch und die Natur, nicht das Leben und die Schönheit wird dargestellt, sondern das Dogma soll versinnbildlicht werden, und dem religiösen Verlangen soll ein sichtbarer Gegenstand der Anbetung gegeben werden. Erst allmählich entwickelt sich in der beginnenden Renaissance aus dem Andachtsbild heraus die einzelne Kunstgattung. Landschaft und Porträt, Sittenbild und Genre, alles spielt anfänglich nur eine Nebenrolle mit zufälligem Charakter und lernt erst in langsamer Verselbständigung die eigene Sprache reden. Immer weniger interessiert den Künstler der Inhalt der Historie und der Wunsch des Auftraggebers; er wird bei der Arbeit immer mehr zum Künstler. Er lernt vergessen, dass der dargestellte Inhalt Träger des kirchlichen Gedankens sein sollte, und gibt in Form des Votivbildes, was ihn künstlerisch angezogen: die Gestalt, die Bewegung, die Pathetik, die Eigenheit der Begebenheit. Diese Wandlung bedeutet aber noch keinen Gewinn an historischer Wahrheit etwa. Denn diese Interessen des Künstlers werden nicht von der Historie und ihrem Geiste bestimmt, sie entstammen vielmehr der eigenen Formenwelt und Ideenwelt des Künstlers. Mit dem Geiste der Bibel hat die farbengewaltige Bewegung eines Rubens, der derbe Realismus eines Jan _ Steen oder die religiös-schwärmerische Erotik Murillos nicht viel gemein. Solche Einflüsse heteronomer Art, die sich bei der Wahl und der Behandlung des biblischen Stoffes geltend machen, nehmen dem Künstler die ruhige Unbefangenheit, in der die innere Schönheit der Erzählung in künstlerische Schönheit sich zwanglos umsetzt. Darum werden einzelne Erzählungen der Bibel in einem Masse begünstigt oder vernachlässigt, wie es eine unbeeinflusste, rein menschliche Betrachtung ihres Schönheitsgehaltes nicht bedingt hätte. Deutlich zeigt sich dies bei den Erzählungen der Genesis, die ja am reichsten sind an tiefer, stiller, hold-befangener- Menschlichkeit. Die „Sünde" der ersten Menschen z. B. wird unzählige Male dargestellt, ob- .LEOHOROVITZ. FIG. IX. gldch sie nicht SO rekh ist an RIMMON. künstlerischen Reizen wie an- (Zum Artikel dere Motive aus dem Leben „bynagogale Kunst".) , v-v.-vv ,\ & * <S2p> V ^%T>) v •, ' 1 t rf^ s * •'■>:. der ersten Menschen, wenn man den theologischen Hintergrund wegschiebt. Zwei Menschen, Mann und Weib blicken zuerst in die Welt; draussen ist Sonne und Weite, Wachstum und Leben von Farben und Tönen, und in ihnen ist Lebenslust und Kindlichkeit und Unschuld und Verlangen nacheinander. Und alle diese Märchen und Wunder, die sich ihnen auftun, alle die Seligkeit und Andacht, die sie atmen, und ihre eigene ———— - — organische Schön- L£0 HOROV1TZ. FIG. V. heit, die strahlender SILBERNER LEUCHTER FÜR DAS , , n VORBETERPULT, prangt als alle SchönheitdesPara- (Zum Artikel »s>'na^ale Kunst'-> dieses, dies allesgibtnichtso viel künstlerischen Antrieb als die Erzählung vom Sündenfal). Die Erzählung vom Sündenfall ist wohl tief an Sinn und tief an Schönheit, aber nicht so reich und nicht so schön als der Zauber des gaazen paradiesischen Daseins. Allein die „Sünde" findet nicht nur Begünstigung durch den Entwicklungsgang der Kunst, sondern auch die' historisch so gewichtig gewordene Unterstützung seitens der kirchlichen Vorstellung. Die Kunst verlangte nach Gelegenheit zur Darstellung des menschlichen Körpers, und die Kirche verlangte den Stoff als Verkörperung eines Hauptdogmas ihrer Lehre. Darum müssen die eigenen Schönheitsreize der Erzählung oft wirkungslos bleiben, während man nur eine sinnlich greifbare Bildlichkeit des Dogmas erstrebt oder die menschliche Erscheinung in leicht bewegter Zuständlichkeit zum künstlerischen Vorwurf macht. Die erste Begegnung von Adam und Eva dagegen gelangt kaum hier und dort zur Darstellung, und doch ist dies eine Vorstellung voll intimer Reize und zarter Idyllen, in der die Lyrik der Menschheit dem Leben die ersten Töne entlockt. Und wo die Kunst von einem solchen Motiv angeregt wird, das so wurzelhaft innewohnt dem Wesen des Menschen, da entsteht aus dem geringsten Können die grösste Wirkung. Das Herz lehrt und der Traum spinnt, die Seele bejaht, und aus dem Menschen steigt die Schönheit herauf, wahr und lebendig aus den Tiefen. An der Bernwardstür zu Hildesheim ist die Szene dargestellt, wie Adam und Eva sich begegnen,