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Ost und West · 1904-01-01 · Heft 1 (Januar 1904) · p. Seite 45 - 46

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 1 (Januar 1904)
Article
Eines jungen Schriftstellers Chanukafest
Date
1904-01-01
Page
Seite 45 - 46 (sequence 3)
Language
German
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45 J. L. Perez: Eines jungen Schriftstellers Cliannkafest. 46 wie eine brennende Hölle mit ihren Teufeln, und der Mond stand zitternd stille am Himmel, und die Leute stürzten aus ihren Häusern heraus-- Graf Branicki mit seinem festlichen Gefolge . . . In einem Meer von Licht und Gesang ertranken die Chanuka-Lichtlein und die Chanuka-Liedchen . . . Sobald der rasende Zug vorüber war, lag der Schnee zertreten und tot, die Fensterchen gähnten finster und stumm .... * * Und Tags darauf kam Löbel Schochet zu mir und hielt mir einen ganzen Vortrag. Ein merkwürdiges Individuum, dieser Löbel Schochet, zumal, seit er seinen kranken Rabbi nach den Badeorten begleitet und ein Stück Ausland gesehen hat. Kabbala mit Ausland, Chassiduth mit Karlsbad. . . „Jüdischkeit! Was ist Jüdischkeit?44 fragt er und steckt die Hände in den Gürtel. Und da ich schweige, antwortet er sich selber, während in seinen schwarzen Augen Chanuka-Lichtlein glimmen. „Jüdischkeit ist so was ... so was ..." Er schlägt den verklärten Blick empor und kommt zu dem Schluss, das Judentum sei . . . „Jüdischkeit ist etwas, das kann aufblühen, auftauen (er drückte sich nur anders aus) und aufleben, und gross und grösser und immer grösser werden. Es kann sich ausbreiten und erweitern und alles, alles umfassen. Es kann den ganzen Weltraum ausfüllen, vom Norden bis zum Süden, vom Himmel bis zur Erde. Es kann alles umspannen, umarmen, alles einhüllen und durchdringen, und der Schein und der Glanz von allem werden, und zugleich den Kern, das Wesen, den Geist und die Seele von allen bilden; und alles wird dann leben und strahlen und duften von Jüdischkeit, gleich den Früchten des Paradieses." . . „Und dann wieder" — fuhr er fort —, „umgekehrt, wenn es not tut, rollt sich das Judentum zusammen. Wenn es nicht anders sein kann, schrumpft es ein, sieht es alt und winzig aus und welk und müde, und schwach, wie der letzte Atemhauch eines Sterbenden. „Doch scheint das nur so! „Warum sagt man: ,Das Pünktchen Jüd?' Darum, weil im Drange der Zeiten sich Jüdischkeit in ein Pünktchen verwandelt, in ein kaum leuchtendes, brennendes Pünktchen, beim Juden im Herzen. Draussen ist's kalt und stürmisch, aber im Judenherzen birgt es sich, glimmt es fort, das ewige Licht! . . . Knöpft sich nun noch der Jude zu und packt sich in seinen Kleidern ein, dann meint man gleich: Nun ist's ausgeblasen! „Und doch ist gerade dies der ganze Unterschied zwischen Jüdischkeit und Nicht jüdischkeit. Doch entweder alles oder gar nichts. Bei uns: was immer es sei, ein Pünktchen nur, das Anzeichen eines Pünktchens, auch nur der Schatten davon — und leben muss es, leuchten muss es! „Bei jenen drüben muss jedes Ding ein Körper sein, ein leibhaftiger, mächtiger, breiter und schwerer Körper — ein Berg! Alles muss hoch und dick sein, und schreiend dazu. Bei uns dagegen nimmt man's zuweilen mit einem Pünktchen vorlieb. Darauf sind wir in der Verbannung, darauf sind wir in der Verbannung und die Schechinah mit uns . . . „Nimm zum Beispiel ihre Sommerhütte, die zeitweilige Wohnstätte, das ist ja etwas, wie unsere Ssukkah, mein' ich. Wie sieht sie nun aus, ihre Ssukkah? Ein mächtiges Gebäu, mit Spitzen hinauf, hoch und übermütig! Dazu stellt man's noch, der Schönheit wegen, auf einen Berg, und den Berg wählt man just an einem klaren Wasser, so dass der Stolz sich auch noch abspiegelt. Oben reichts hinauf bis in den Himmel und unten langt es tief bis zur Unterwelt hinab. „Bei uns aber, was ist eine vollgültige, rechtmässige Ssukkah? „Irgendwo in einem Winkel auf dem Hof; zwei Wände werden von einem Zaun gebildet, die dritte hinzugemacht, ein ganz leichtes Ding, mit einem Hauch wegzublasen. . . . Der Eingang — nur das Bild einer Tür, der Rahmen einer Tür, und es reicht aus. Fast kaum vier Quadratellen — aber es genügt ja, wenn Haupt und Oberkörper drinnen Raum finden. „Ein Pünktchen. „Aber dieses Pünktchen umfasst ein Meer von Festfreude! Die hehren Gäste kommen und lassen sich an Deiner Tatel nieder. Abraham kommt, Isaak und Jakob kommen . . . und Mose und Aharon, David und Salomo — wer kommt nicht dorthin? „Und wollen jene mal fröhlich und lustig sein, welche Müh' und Marter kostet sie das! Essen und Trinken ist dabei die Hauptsache. Fleisch und Wein! Aber Berge von Fleisch, Teiche von Wein! Dazu muss es noch Weiber geben. Ausserdem muss man Gläser zerbrechen, Scheiben einschlagen, Spiegel zerschmettern, und das Ende ist, bevor man fröhlich geworden, liegt man unterm Tisch. Bei uns dagegen, solch ein Roschchodesch-Festmahl zum Beispiel, ein Bissen Brot, um den Segen darüber zu sprechen, ein Tröpfchen bittern Branntweins, ein paar Wörtlein Tbora — und es flammt, dass es eine Freude ist. „Und das Gleiche, siehst Du, gilt auch von Chanuka. „Dort, bei jenen, wenn es gälte, das Andenken eines solchen Heldentums, eines solchen Sieges zu feiern--eine Kleinigkeit zu sagen! Eine Handvoll, ein winziges Häuflein gegen zahllose Scharen, wie der Sand am Meere, Schwache und Kranke gegen Mächtige und Kriegsgewohnte — denk' Dir nur, bitte, was wäre das für eine Illumination! Fahnen auf den Dächern, Teppiche an den Baikonen, flammende Kerzen in den Fenstern, in den Rinnen Oeliämpchen . . . Scharenweise würden sie sich durch die Strassen

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