Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Eines jungen Schriftstellers Chanukafest
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 43 - 44 (sequence 2)
- Language
- German
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43 J. L. Perez: Eines jungen Schriftstellers Chanukafest. 44 Lohn für diese Mizwah in der künftigen Welt. Dafür warf mir Marie einen bösen Blick zu. Sie denkt, ich müsse doch wohl der Partei ihrer Herrin angehören, sonst würde ich andere Feste feiern . . . Nun muss ich schreiben, aber kann ich's? Kein einziger Chanuka-Gedanke! Ueberhaupt regt sich nichts in meinem Hirn. Das Herz ist trocken und welk wie ein abgebrochener Zweig, der lange im Walde vom Sturm umhergefegt wurde, und der Kopf ist leer, wie ein Schwalbennest zur Winterszeit. Habe ich überhaupt jemals eigene Gedanken gehabt und eine eigene Seele? Vielleicht einmal in den frühesten Kinderjahren ... Aber diese sind längst schon vorüber. Und die Erinnerungen an sie segeln immer weiter und weiter von mir fort. Sie verziehen sich, wie die leichten, vergoldeten Abendnebel, gen Osten, wenn die müde Sonne im Westen sich senkt. Und dochmussichChanuka- Bilder, Chanuka-Stimmungen hervorzaubern. Mit Gewalt muss ich die Kinderjahre zurückrufen, da alles in meiner Welt frisch, weich und lieblich, duftig und hochragend war. Die Zeiten der Sterne und der Blumen und der unbewussten, leise sich regenden Liebe . . . „Marie!" Sie erscheint halb erschrocken. „Hast Du keine Wachskerzen?" „Was meinen Sie!" „Womit leuchtest Du Dir, wenn Du in den Keller gehst?u „Mit einem Wachsstock!'' „So bring mir Deinen Wachsstock." Ich schneide ein Stück davon weg, teile es in kleine Chanuka-Kerzchen, zünde sie an und spreche mechanisch, ohne Andacht, den Segensspruch. Marie steht daneben und schaut mich an mit weitgeöffneten Augen. Wie soll ich ihr klarmachen, dass ich Chanuka- Stimmungen brauche? . . * Leise taucht etwas empor. Alte, alte Zeiten. Ach wie alt bin ich denn im ganzen, und doch liegt das Gute ebenso weit, so weit hinter mir! — Marie ist nicht mehr im Zimmer . . Die Kerzlein, an einem Holzscheit befestigt, brennen demütig und schüchtern und leuchten wie Waisenäuglein am Tische des Stiefvaters. Aber die dünnen Strahlen dringen in mein Herz. Dort erhebt es sich wie ein feiner, goldner Staub, golden schimmern die Erinnerungen . . . * « * Mit dem vierzehnten Lebensjahr brannte ich meinen Eltern durch. Lernen wollte ich, und ich hätte auch wohl gelernt, wenn man nicht in mir ein Talent entdeckt hätte . . . Ein Talent kann alles entbehren. Ein Talent läuft am liebsten nackt und barfuss umher — seelisch meine ich das natürlich. Heutzutage sind die „nackten Seelen" eben in der Mode, sie bedürfen nicht einmal des Feigenblattes der Grammatik . . . Doch schlimmer steht's um den nackten Leib. Der erste grimmige Winter also trieb mich heimwärts, zur Mutter. Mein Vater war dazumal nicht mehr am Leben. Es war gerade am Chanuka. Ich sprach vor meiner armen Mutter den Segen über die Chanuka-Lichter. Mutter musste sofort in ihren Kramladen eilen. Ich blieb allein mit meinen Zweifeln: durfte ich, der ich an nichts mehr glaubte, der Mutter zuliebe den Segen sprechen? . . . Der nationale Standpunkt, der die Chanuka-Lichter auf jeden Fall rechtfertigte, war damals noch nicht vorhanden . . . Die Makkabäer standen noch im Hintergrunde des Chanuka-Bildes, wie von einem Nebel umflossen, und im Vordergrunde leuchtete nur das Wunder mit dem Oelkrüglein. Und der Mutter zuliebe hatte ich die Lichtlein angezündet und den Segen gesprochen . . . Ich wusste nicht, sollte ich mich ob meiner Kindesliebe in die Brust werfen, oder mich anspucken wegen der Heuchelei? Ohne eine Antwort auf diese Frage zu haben, stellte ich mich ans Fenster und blickte hinaus in die alte Illumination der Chanuka-Lichter ringsum. Und, die Wahrheit zu sagen, sie gefiel mir sehr wohl, die alte, schlichte und anspruchslose Illumination. Auf dem Schnee, der den kleinen viereckigen Ringplatz bedeckt, irren kaum sichtbare, bescheidene Strahlenreflexe umher, die kleinen Fenster schimmern mit ihren goldenen Pünktchen, mit den stillen, sanften, lieben Pünktchen . . . Sie leuchten still und süss, wie stille, süsse, herzige Geheimnisse, die man einander in der stillsten, seligsten Stunde zuraunt . . . Und nichts wird erzählt, nur angedeutet wird's, still und vornehm angedeutet, und die Herzen, die die Sprache verstehen, werden weit, denn es erfüllt sie eine stille, tiefe Freude . . . Und wenn das Herz übervoll ist, regen die Lippen sich leise zu einem stillen, heiligen Dankgebet......Da summt leise das Chanuka-Lied, da leuchten und scheinen die Chanuka-Flämmchen, da leuchtet und raunt und flüstert eine Seele, die Seele des alten Volkes .... und plötzlich-- Plötzlich versank und ertrank das alles. Der stille, heilige Zauber zerrann auf einmal in ein Nichts. Hu, ha! Welch ein wilder, ausgelassener Gesang, welche wilden, ausgelassenen Flammen .... Fackeln, Musik, Gesang und Lärm! Schlitten durcheilen breit den Marktplatz, die Pferde rasen dahin, unter ihren Füssen erhebt sich ein Nebel von Schneestaub . . . Der erste Schlitten mit der Musikbande ist vorbei, die anderen eilen ihm nach mit Gesang— schäumender, rauschender, feuersprühender Gesang auf den Lippen, flammende, funkelnde Fackeln und Laternen in den Händen . . . Und es saust vorbei,