Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Eines jungen Schriftstellers Chanukafest
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 47 - 48 (sequence 4)
- Language
- German
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47 J. L. Perez: Eines jungen Schriftstellers Chanukafest. 48 wälzen, mit Fackelzügen und Musikbanden und Sängerchören, Raketen würden gen Himmel fliegen, bengalische Sonnen in der Luft platzen und Millionen Sterne im Räume zerstieben ... „Bei uns: Chanuka-Lichtlein, Pünktchen, kleine, und es wird davon so hell im Herzen, so süss und so warm" . . . Also sprach Löbel Schochet. Damals lachte ich ihn aus, heute beneide ich ihn. * * * Gleich Vögeln im Winterschlaf ruht irgendwo tiei eine Kette von Erinnerungen, und das eine zieht das andere hervor. . . . Sondern von einer, die ganz anderer Art war . . . Es geschah zu der Zeit, da ich noch etwas von einer Seele in mir hatte. Eigentlich war das nur eine halbe Seele, und das wusste ich und litt darunter und lief umher und suchte die zweite Hälfte. Ich ächzte und stöhnte und miaute wie eine liebeshungrige Katze . . . Damals wandte ich mich auch an sie. Das erstemal sah ich sie von der Ferne, und sogleich fiel es mir ein, dass sie die zweite Hälfte meiner Seele in sich trage, und dass der Vereinigung dieser zwei Seelenhälften Ideen-Messiasse entspringen könnten, die die Welt aus den Angeln heben und die Menschheit, befreit und geläutert, vor einen neuen Sinai führen und ihr ein neues Zehngebot verkünden könnten . . . Dann sah ich ihr Antlitz von der Nähe: zwei Sterne, die die finsterste Nacht erhellen konnten, ein Gesicht, das für eine Welt litt . . . Ich schrieb ihr das und fragte, was sie über mich dächte. Sie antwortete, indem sie mir ihren Traum erzählte. Es war Chanuka, und sie sah im Traum ein kleines althebräisches Städtchen. Viele, viele kleine, bescheidene Häuschen, aber alle in LichtfLuten badend. . . . Ein weiter stiller Platz, über den Männer dahinschritten, in weisse, wallende Tallismäntel gehüllt, mit Thorah-Rollen auf den Armen; sie führten Gespräche untereinander, bald blieben sie stehen und diskutierten oder rollten eine Thorah auf und wiesen zur Bekräftigung auf eine Stelle darin. Unweit auf einer Anhöhe erhob sich eine Synagoge, auf die sie alle zuzuschreiten schienen. Andere sassen auf den flachen Dächern ringsum, an die hohen Geländer lehnend, ruhten oder waren mit den Worten der Lehre beschäftigt. Vor manchen der Häuser standen oder sassen verschiedene Handwerker mit ihrem Werkzeug, und allerhand Werkstätten. Frauen zeigten sich wenig, dafür aber erfüllte das frohsinnige, lebensvolle Treiben der Kinderwelt den Marktplatz. Oft blieb ein Erwachsener vor einem Kinde stehen und fragte: Was hast du heut in der Schule gelernt? Und die Kleinen antworteten freundlich und mutig. Plötzlich erscholl von der Ferne das Dröhnen von Trompeten, und bald darauf Hess sich der Widerhall schwerer Soldatentritte vernehmen. Angst und Schrecken erfasste das Städtchen. Man verliess eiligst die Dächer. Die Fussgänger eilten auf die Synagoge zu. Ueber die Fenster senken sich die Vorhänge. Mütter stürzten schreckensbleich aus den Häusern und zogen mit bebenden Händen ihre Kinder eiligst nach Hause . . Die Fremden rückten ein. Mit Lanzen und Bogen und Köchern bewaffnet. Manche waren hoch zu Ross% Die Helme flammten furchtbar in der Sonne, die wilden Augen noch furchtbarer. Aus Pfeilen und Bogen wurde in der Mitte des Stadtplatzes ein Altar errichtet- Die Posaune durchschnitt noch einmal die Luft' und ein Herold ritt hinaus mit einer Fahne in der Rechten, seine Linke führte an einem Seil ein — Schwein, und er tat kund und zu wissen, die Juden müssten das unreine Tier ihrem Gotte auf dem Altare opfern, sonst würde die Stadt zerstört und dem Erdboden gleichgemacht werden. . . Ein Weinen erscholl ... Es weinten Greise, Frauen und Kinder . . . Und doch fand einer sich,, der hinzuschiitt, den Segen sprach und sich daran machte, das Opfer zu vollziehen. Er wolle sich aufopfern, er wolle lieber diese und jene Welt verlieren, um nur die Stadt von starker Feindeshand zu retten, die Stadt mit ihren Alten und Jungen, ihren Frauen und Kindern. . . Schon spricht er den Segen, schon streckt er die lanzenbewaffnete Hand aus —-- Da, von jener Anhöhe, auf der die Synagoge sich erhob, kam Matatjahu der Hasmonäer herabgestürmt,, er eilte auf den Altar hinzu, tötete den Opferwilligen mitsamt einem Haufen von Feinden . . . erhob das Schwert und rief: „Dies Schwert für unser Volk, für unser Land!" —--— — — — — —--— Das war es, was sie geträumt. Und im Traume sah sie alles ganz deutlich, als wär's Wirklichkeit . . . - Und sie sah, dass der Hasmonäer nicht die geringste Aehnlichkeit mit uns hatte, weder mit mir noch mit meinen Freunden . „ . Dafür aber jener andere,, der bereit war, das Opfer zu bringen.----- Was einem Mädchen träumen kann! Und was ein Mädchen alles aus einem Traume machen kannl Dass Matatjahu ein Greis, ein alter Jude war, und mit uns Jungen keine Aehnlichkeit haben konnte, fiel ihr nicht ein. . . . Es klopft. Eine Mädchenhand. Wrelche von ihnen kommt? . . . „Herein!" ... Marie bringt mir Tee, schaut aber zur Seite. Wer weiss, was für Träume sie träumt, und wem ich in diesen Träumen ähnlich sehe . . *