Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Camille Pissarro
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 17 - 18 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Georg Hermann: Camille Pissarro. 18 spruchsloser Schönheit und von stiller Liebe zu den Gebilden und Erscheinungs formen dieser Welt. Es gibt da Eckchen und Fleckchen im Himmel und bei blauen Fernen, zwischen Buschketten und "Wiesenzügen, gibt Ausschnitte von Handgrösse von unbeschreiblichem Reiz. Die Luft ist nirgends aufdringlich, nirgends Selbstzv/eck und weht nur wie ein flatternder Mantel von Spinnweben über die grüne Decke des Bodens, zieht um Bäume, durch Aeste und Strauch er, Kniks und Hecken, durch Spaliere und Hopfenstangen, über die weiten Wellen der Saaten hin, zitternd, hauchfein, regsam, milde, alle Farben in ein ganz leichtes, regnerisches Grauviolett hüllend. Diese Arbeiten Pissarros stehen künstlerisch am höchsten, denn es ist in ihnen nichts von dem Problem zu spüren, das bei allen Werken der Impressionisten durchschmeckt, sie sind reiner Ausdruck. Sie haben vielfach die milde Ruhe . dekorativer Wandgemälde, so jene „vier Jahrzeiten", mit den breiten Horizontalen der Felder und den Bäumchen, die sich hintereinanderschieben, mit den stillen Feldwegen, die zur Ferne führen, und den ruhelosen Himmeln darüber, mit ihren weissen, sacht treibenden Wolkenballen. Ich finde Gemälde, wie diese, sehr schön und sehr andächtig. Vor allem hat Pissarro das weite, vom ersten Schnee überpuderte Land mit feiner Empfindung gegeben, die braune Scholle, die sich wehrt, sich in die weiche Hülle einbetten zu lassen. Er ist darin niemals so raffiniert wie seine Freunde, die mit gieriger Freude das blaue Schneelicht schildern in dem seitsamen Farbenzauber ■;?«,€r; -4 *; CAMTLLE PISSARRO. DER THOR WEG. ^^•■v-~.v. r'?: " :; * . > ' ' + " " 'V\> -r^'V" -' : : %--kf] o > *< &J«$$F'y? ' *>■ - ''H;, A? ■ ' wV^*jVV - * CAMILLE PISSARRO. (Aus dem „Kunstsalon Cassircr' Berlin W.) (Aus dem „Kunstsalon Cassirer" Berlin W.) frischer Wintermorgen. Es liegt im Ton dieser Bilder um siebzig, bei aller neuen Erdenfreude, die sie atmen, etwas Wehmütiges und Sehnsüchtiges; schon dass sie meist Ebenen, weite Ebenen geben, dass sich die Blicke in duftende Fernen verlieren und die Augen durch den weiten Himmel wandern, durch ein Meer von Licht — schon darin kommt etwas in die Werke , Pissarros, das seinen Mitstrebenden fernliegt. Pissarros Entwickelung ist die Entwickelung seiner Zeit, ohne dass man ihm irgend ein Nachlaufen, irgend eine Unselbständigkeit zur Last legen könnte. Er schliesst sich Corot an; ich kenne ein Gemälde von ihm, das einem sehr schönen Daubigny nahe kommt, und endlich seine allerletzten Arbeiten stehen ganz bei den Neoimpressionisten, der Tupfentechnik reiner Farbengebung ohne Miscbtöne der Palette. Aber bekannt ist Pissarro vor allem als Mitstreiter Manets, Monets, Sisleys, Renoirs, Dogas, bekannt als Landschafter mit seinen schlichten, weiträumigen Motiven aus der Xormandie, als Schilderer des Hafenlebens von Dieppe, als Künder der rollenden Regsamkeit der Boulevards, als feiner Ernpfiuder des malerischen Lichtspiels um Rokokkobauten und um gothische Kathedralen, welche mit all ihren Strebern, Krabben, Wimpergen, Dachreitern, Speiern, mit den tausendfachen Verästelungen, die den Bau in ein Spitzengewebe auflösen, gleichsam das Licht fangen und zerteilen. Er liebte es wie die Impressionisten, wie Monet, Renoir z. B., denselben Vorwurf im schwankenden Licht der Tage und Jahres- ROUEN.