Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Camille Pissarro
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Georg Hermann: Camille Pissarro. 16 äusserlichen Dingen zeigt sich diese Verinnerlichung nicht; auf die menschliche Figur ist sie sichtbarlich selten ausgedehnt, und hier ist wohl nach Seite des seelischen Affektes in Rembrandt das Stärkste und zugleich Innigste geboten, was von einem Menschenherz je empfunden werden kann; höchstens die acqua mens, das vegetative, halbbewusste Dahinleben von Kindern und Landleuten wäre als neu anzusprechen. Aber in der Betrachtung und Versenkung in die Landschaft, in das Spiel des Lichts, im Wandern in ungemessene Weiten des Blaues, im Studium der Wolken, die nächst den Blumen die wundersamsten Farbenträger dieser Erde sind, in der Liebe zum Boden, zum Baum, in dem Erschliessen der tausendfach wandelbaren Stimmungen — vor allem aber in der Erkenntnis, dass die Natur nicht an einzelnen Punkten schön und malerisch ist, sondern dass Schönheit ihr ureigenstes Merkzeichen darstellt, in der neuen Erkenntnis, dass das Malerauge die Welt von einem Ende bis zum anderen durchwandern kann, ohne auf Hässliches und Gemeines zu stossen — da liegt die neue, ungeahnte, wundersame Verinnerlichung, die uns der Impressionismus brachte. Dass er uns bewies, dass die gleichgültigsten Dinge, wie Heuschober, Kornfelder, Strassenzüge von unendlich reicher, neuer, unerschöpflicher Schönheit sind — das war seine Verinnerlichung. Sagt nicht, dass das eine Sache des Auges ist; es ist eine Angelegenheit der Seele. Und ob ich nun eine gläubige Schaar male, die den Worten eines Predigers lauscht, oder eine Landschaft, in der Gras und Busch und Baum träumend ins Licht starren und dem Lerchenjubel aus sonniger Höhe lauschen, kommt doch eigentlich an seelischem Inhalt zum mindesten auf eins heraus! Ich möchte noch ein Wort für Monet einlegen, eine Frage zu seinen Gunsten aufwerfen. Was ist denn Seele in der Malerei? Ist das etwas Allgemeingiltiges? Oder nicht vielleicht etwas, das von Rasse zu Rasse verschieden ist? Ich glaube das Letzte. Einem Franzosen werden vielleicht Monets Landschaften seelenvoll, und dieThoma's und Haiders, selbst Böcklins tot und seelenlos erscheinen. Gewiss haben manche von Monets Schöpfungen für uns etwas Kaltes, aber die ihnen innewohnende Empfindungsnote entstammt einer anderen Rasse und entzieht sich unserem Urteil. Manche — nicht alle; mir schwebt z. B. augenblicklich ein Parkbild von Monetvor.wdcheseinMann cAMILLE PISSARRO. VOn bald /ü Jahren ge- (Aus dem „Kunstsalon schaffen hat, und dass ich ansah wie ein Gedicht, das ein Liebender für seine Geliebte schrieb. Wenn also immerhin uns manche Schöpfungen nicht persönlich nahe stehen, und deswegen man die Impressionisten als undeutsch ablehnte, so ist doch aus jener Gruppe, von deren Grössen vielleicht in ein, zwei Jahrzehnten auch der Letzte dahingegangen sein wird, einer, den dieser Vorwurf nie getroffen hat. Man nannte ihn den deutschesten, sprach, er hätte am stärksten jenes Erdempfinden, das wir bei einzelnen unserer heimischen Künstler lieben. Das ist Camille Pissarro. Er nahm vor kurzem hochbetagt Abschied von dieser schönen Welt, auf die er tausend- und tausendfach seine zärtlichen Blicke verschwendet hat Dass gerade er von dieser Gruppe den Deutschen nahe steht, ist doch vielleicht eine Nationalitätsfrage. Pissarro ist als dänischer Untertan in St. Thomas geboren. Zugleich ist er aber auch Jude portugiesischer Abstammung und teilt mit Israels und Liebermann ein starkes und schlichtes Naturempfinden. Die jüdische Note seiner Malerei tritt nirgends äusserlich hervor; aber sie liegt in einem Unwägbaren, Ungreifbaren, vielleicht nur in einem pantheistischen Gefühl, das stärker als in den Werken seiner Mitstrebendeo, in seinen Landschaften lebt. Keiner der anderen Impressionisten scheint so weiträumig wie Pissarro, keiner gliedert die Landschaft wie er, schafft sie reich bei aller Schlichtheit des Vorwurfs, keiner — nicht Sisley, nicht Monet — liebt so den Himmel in seinen. Abstufungen, seinen Wolkenbauten. Ich kenne von Monet Interessanteres, von Sisley Ueberwältigenderes, aber aus keinem blickt eine so innige Liebe zur Natur und zur Malerei, wie aus Pissarros Schöpfungen. Seine ersten zagen Versuche der Hellmalerei, seine ersten Schritte von den Fontainebleauern zu den Impressionisten vereinen die Vorzüge beider. Corot, dem er in früheren Tagen nahe trat, hat ihm eine Lehre für sein ganzes langes Leben gegeben, dass die Va^ _____;____leurs — der Ton — die Stimmungskraft der Malerei ausmachen. Und das hat Pissarro nie vergessen. Am zartesten und fesselndsten sind mir seine Schöpfungen aus der Uebergangszeit, aus den Jahren um 1870; dena sie haben die milde Helligkeit und natürliche Wahrheit, die als die ersten einst die Impressionisten gaben; und wieder haben sie jenen Zauber einer weichen Träumerei, wie er . so seltsam wehmütig aus Baum und Busch eines Corots hervorlockt. Diese DIE GRASMAHERIN. _ , . _ n Cassh-er« Berlin w.) Arbeiten sind voll von an-