Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Camille Pissarro
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 19 - 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Georg Hermann: Camille Pissarro. 20 zeiten in ganzen Bilderreihen festzuhalten, die ewigen Gestalten im wechselnden Kleid der Stunde zu zeigen. Ihn zog es dorthin, wo das Leben am stillsten verklingt, wie in die Feldeinsamkeit der Normandie und, wo es heute am reichsten pulst— in die Handelshäfen, wo alle Fäden der Welt sich treffen, und in die Strassen der Grossstadt, deren jagendes Getriebe manche Menschen über alles lieben sollen, so dass bei Hamsun sogar einmal irgendwer sagt, dass, wenn er in den Himmel käme, er Gott bitten möchte, ihm seinen Wohnsitz über der City oder dem Boulevard des Italiens anzuweisen. Dieser Mann, der das moderne Leben bis über den Tod hinaus liebt, wäre als Maler sicher Impressionist geworden. Die Empfindung, dass der einzelne im Strassenbild untergeht, nur ein farbiger bewegter Fleck hier oder dort ist, dass die Facade keine tote Steinfläche, sondern ein stets bewegtes Ganzes ist, dass die Augen der Fenster in unregelmässigen Ketten aufblitzen, dass die Menschenfluten, die Wagenzüge kaleidoskopisch sich durcheinanderschieben, dass selbst in den regellosen Abständen der Passanten und Fuhrwerke gewisse ästhetische Gesetze walten — dieser Empfindung Ausdruck gegeben zu haben, ist eines der Hauptverdienste der lebensdeutenden Impressionisten, und hier vor allem Pissarros. Die merkwürdig perverse Note, die ein Raffaelis in die mageren Boulevardsbäumchen legt, in die zierlich zimperliche Stadtnatur, in die sandweisse Sonne — kennt Pissarro nicht. Dessen Schilderungen sind saftig, CAMILLE PISSARRO. (Aus dem „Kunstsalon Cassirer«, Berlin W.) lebensvoll, reklameschreiend, von buntem Gedränge durchzogen, sie sind von oben gesehen und umfassen stets einen ganzen langen Strassenzug, der sich hinten im Häusermeer verliert. Das gleichsam gefangene Licht bricht sich seltsam an tausend Dingen. Erkern und Giebeln, Aesten und Wagen, kriecht unter Brücken und windet sich zwischen den drängenden Menschen hindurch. Für die ungeschriebene, ungemalte Aeslhetik der Grossstadt hat Pissarro feinsinnig die ersten Kapitel verfasst. Und ebenso begann er in die weissen Blätter der Hafenkunst seine feinsinnigen Bemerkungen einzutragen. Ist in den Strassen das Licht ein Gefangener, hängt ,der Himmel wie eine Bodenluke über ihnen, oder bestenfalls wie ein Atelierfenster, so ist es hier Herrscher und König, flutet von allen Seiten herzu, sammelt sich von weither auf dieser Summe von Leben und Bewegung; draussen vom Meer kommt es mit den Schiffen scheint es von Süden heraufgetrageh zu werden, über die Mauern der Stadt dringt es, lagert sich an den Quais, umspielt die Schirlsrümpfe, fängt sich im Takelwerk, in den Stapeln von Warenballen, auf den glitzernden Wassern, auf den schwankenden Jollen, unruhig ziehend wie Mövenschwärme, zitternd, wie die langen Töne der fauchenden Sirenen.. All das habe ich gesehen auf einem kleinen Hafenbild Pissarro's, das kaum einen Meter im Geviert war und ein unendliches Bild des Lebens zwischen die vier Leisten seines Rahmens presste. Und wenn ich nun wirklich noch von Pissarros Figurenbildern spreche, oder von diesem oder jenem Gemälde, das mir noch von ihm bekannt ist, ich würdeim ganzen nichts Neues dem zufügen, was über den Mann auf dem Grund meiner Worte zu lesen ist. Den Techniker, der raffiniert Li cht werte zusammenzählt, den Mann, der sich bestrebt, objektiv richtig zu sehen, dessen Experimente verblüffen, und der niemals von einer landschaftlichen Schönheit ergriffen worden wäre — so wie ihn uns Muther glaubhaft machen will, habe ich nie an Pissarro geschätzt, wohl aber liebe ich den innigen, leicht sentimentalen Empfinder, den Pantheisten von starkem, einfachem Naturempfinden. Als vor wenigen Jahren der vereinsamte Sisley starb, der malte und malte, und, ganz der Welt entfremdet, irgend wo da draussen an der Seine hauste, schrieb jemand in der Wiener „Zeit" über ihn und betonte in fein- BOULEVARD DES ITALIENS, PARIS.