Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-01-01 · Heft 1 (Januar 1904) · p. Seite 5 - 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 1 (Januar 1904)
Article
1903
Date
1904-01-01
Page
Seite 5 - 6 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583920-2589653--03537-2589715
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Prof. Dr. Martin Philippson: 1903. 6 Plackereien einzelner, mögen es auch Kranke und Elende sein. Alle diese materiellen und sozialen Schädigungen schienen noch nicht zu genügen, um den Juden den Boden des heiligen" Russlands allzu heiss zu machen. Da gab es aber noch ein probates Mittel: man schlägt sie einfach tot. In Kischinew, in Hornel hat man das in Wirksamkeit gesetzt. Die Polizei hetzte bis dahin friedliche Massen gegen die Juden auf, gab ihnen Knüttel, Schwerter, Pistolen, Brandtackeln und Brecheisen; und wenn die Juden sich dem Mord und dem Plündern widersetzten, so Hess man die Soldaten auf sie schiessen. Das sind keine willkürlichen Anschuldigungen: durch die gegen die Aufrührer geführten Gerichtsverhandlungen ist von hohen Beamten und sonstigen einwandfreien Zeugen unter ihrem Eide das Furchtbarste bewiesen worden. Nur die Regierung und ihre Werkzeuge haben die bis dahin in Bessarabien herrschende Eintracht zwischen Christen und Juden gestört; die Juden erfreuten sich des besten Rufes, und nur durch Fleiss und Sparsamkeit haben sich einzelne von ihnen zum Wohlstande aufgeschwungen; die Regierung hat die Christen zu Hass und Verachtung gegen die Juden aufgestachelt. Als alles zum Ausbruch vorbereitet war, hat sie die Mörder bewaffnet, den Juden das Waffentragen verboten. Es ist unwahr, dass die Juden durch eine Ausschreitung Anlass zu den Unruhen gegeben haben. Die dringende Bitte der angesehendsten christlichen Einwohner, den Greueln ein Ende zu bereiten, wurde von Polizei und Militär abgewiesen, die sich vielmehr an den Untaten beteiligten und erst einschritten, als Mord und Plünderung auch Christenhäuser bedrohten. Eine so vernichtende, so scheussliche Anklage ist noch niemals gegen eine Regierung erhoben und bewiesen worden. Nicht dem Sultan, nein dem Zaren und seiner Totschlägerbande müssten von Europa Aufseher zur Seite gesetzt werden! Leider liegt Russland nicht auf einer besonderen Erde. Das Aufsehen, die Entrüstung, die die offizielle Mordbrennerei überall hervorriefen, wirkten denn doch zu unangenehm. Vielleicht würde die Stimme der öffentlichen Meinung Europas unbeachtet verhallt sein; aber dass der eigene Schwager des Zaren, der Grossherzog von Hessen, sich an die Spitze der Sammlung für die Opfer von Kischinew stellte, dass dann die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika offiziell gegen die Greuel Verwahrung einlegte, machte an der Newa einen gewissen Eindruck. Die russische Regierung hat einstweilen die Wiederholung der Mordszenen im grossen vermieden, sie nimmt selbst die Miene an, einige arme Teufel, die man in Kischinew auf die Juden gehetzt hatte, bestrafen zu wollen. Einstweilen begnügt sie sich damit, von Zeit zu Zeit ihre Kosacken und Polizisten von Juden „angreifen14 zu lassen; die bedrohten "Wächter des Gesetzes lassen sich das natürlich nicht gefallen und schiessen dann die kecken „Angreifer" nieder. Das sind so kleine Uebungen und Generalproben, bis die zivilisierte Welt wTiecler anderweit beschäftigt ist und man im heiligen Russland eine neue grosse Bartholomäusnacht gegen die Hebräer ins Werk setzen darf. Zu Tausenden und zu Hunderttausenden fliehen die Unglücklichen aus dem Vaterlande, das ihnen zur Hölle geworden. Sie ziehen nach England, nach Nordamerika, nach dem Kapland, überall hin, wo Freiheit und Duldung ihnen winkt. An den grossen Hafenorten und anderen beträchtlichen Städten lassen sie sich nieder, eröffnen einen Kramladen oder üben eines der körperlich weniger anstrengenden Handwerke aus, die sie gelernt haben. Einfach, an Entbehrungen gewöhnt, unbedingt auf schleunigen und regelmässigen Erwerb angewiesen, begnügen sie sich mit den bescheidensten Löhnen, wie der an kräftige Kost, gute und reinliche Kleidung, behäbige Wohnung und an Vergnügen und Genüsse aller Art gewöhnte heimische Arbeiter solche nicht annehmen kann. Dadurch drücken sie auf die Preise, machen den Eingeborenen den Wettbewerb und hiermit die herkömmliche Lebenshaltung unmöglich. Lebhafter Zorn erhebt sich; und dass die Ankömmlinge in Sitte, Tracht und Sprache so absonderlich und so. unschön sind und sich ängstlich aneinander schliessen, erhöht die Abneigung gegen sie. Es kommt sogar zu gewaltätigen Angriffen auf die unbequemen Konkurrenten wie in den Schiefergruben des englischen Bezirkes Südwales. Vorurteil, Antisemitismus entstehen und bedrohen auch die eingeborenen Juden des Westens und Südens. Kein Wunder, dass selbst unter diesen sich der Wunsch kundgibt, die massenhafte Einwanderung solcher Elemente einzuschränken. Um so mehr sehen Regierungen und Parlamente sich veranlasst, einen Damm gegen den Strom zu ziehen. Schon in Ungarn, das die öster-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.