Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- 1903
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 3 - 4 (sequence 2)
- Language
- German
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3 Prof. Dr. Martin Philippson: 1903. 4 die Schuld der Regierenden selbst sind sie gezwungen, ein Volk im Volke zu bilden. Andererseits treiben die Zusammempferchung in einen engen Ansiedelungsbezirk, der Ausschluss von allen öffentlichen Aemtern, die einem Verbote sich annähernde Beschränkung im Besuche der höheren Lehranstalten, die Untersagung des Grunderwerbes und der Landwirtschaft gerade die Strebsameren, Tüchtigeren und Charakterkräftigeren unter den Juden zu unbedingter Feindschaft gegen das herrschende System, erfüllen die Verachtung und der Druck, denen die jüdische Masse unterliegt, auch diese mit revolutionären und sozialistischen Empfindungen. Früher litten die russischen Juden schweigend, aber die Macht moderner Ideen flösst ihnen jetzt den Wunsch des Widerstandes ein, das Bestreben, ungerechter Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Das sind Erscheinungen, die unter den Verhältnissen der Gegenwart mit naturgesetzlicher Notwendigkeit aus dem Unterdrückungssystem hervorgehen, wie die russische Regierung es wider die Juden betätigt. Besonnene und wohlmeinende Männer würden hieraus den Schluss ziehen, dass man das System ändern, den jüdischen Untertanen des Zaren den Grund ihrer gerechten Unzufriedenheit nehmen, sie durch Gewährung der bürgerlichen Rechte zu loyalen Staatsbürgern umwandeln müsse, wie sie es in denjenigen Ländern sind, wo man ihnen die Gleichstellung gewährt hat. Aber die augenblicklichen Machthaber in Russland sind jeder humanen Erwäo-unounzugänglich. Wo sie Widero o o o stand finden, kennen sie nur eins: gesteigerte Gewalt, Vernichtung. Sie haben sich also die Aufgabe gestellt: den Juden das Leben in Russland so unerträglich zu machen, dass diese Unglücklichen entweder auswandern oder untergehen müssen. Das sind keine Ausgeburten trübgestimmter Phantasie, keine Voraussetzungen von Pessimisten — das sind traurige, nicht zu bezweifelnde Tatsachen. Sie sprechen sich in mannigfachen Ver fügungen des verstorbenen Alexander III. in jüdischen Angelegenheiten, in den Aeusserungen des unter Nikolaus IL allmächtig gewordenen Minister des Inneren, von Plehwe, seiner Gehilfen und Gouverneure, der offiziellen und offiziösen Zeitungen aus. Die Juden, heisst es da immer mit gewollter Uebertreibung, bilden die Hauptmasse der Revolutionäre, also müssen die Juden dahin gebracht werden, dass sie „bis auf den letzten Mann Russland verlassen". So hofft man auch, indem man zugleich den Hass der griechisch-katholischen Bevölkerung gegen die Juden aufreizt, diese für alles Uebel verantwortlich und die revolutionären und sozialistischen Bestrebungen unpopulär zu machen. Alles Schlimme kommt von den Juden, die Juden sind die Revolution, folglich ist die Revolution unrussisch und hassenswert, die Regierung vollkommen, der Jude totzuschlagen. Der Absolutismus ist gerettet, die Russifizierung durch Ausmerzung eines bedeutenden Hindernisses um, einen mächtigen Schritt gefördert. Wer sich unter den Ministern diesem teuflischen Plane nicht fügt, der „fliegt." So vor allem der Finanzminister von Witte, der im Interesse seiner ökonomischen und finanziellen Entwürfe, zu deren Durchführung er das wahrhaft zivilisierte Westeuropa brauchte, die Deutschen, Finländer und Juden schonen wollte. „Ich bin wegen der Juden gestürzt," sagte Witte mit Recht. Noch duldet man seinen Gesinnungsgenossen, den Minister des Aeusseren, Lamsdorf, aber dessen Tage sind gleichfalls gezählt. Und das System wird mit unbarmherziger Folgerichtigkeit ins Werk gesetzt. Die Ausschliessung der Juden aus dem weit überwiegenden Teile Russlands wird nicht allein aufrecht erhalten, sondern noch verschärft. Sobald der russische Doppeladler seine todbringenden Fange in ein Land einschlägt, müssen die Juden es meiden, wie sich dies noch soeben in der Manschurei vollzogen hat, die den Russen gar nicht gehört, die sie aber mit der bei ihnen beliebten Gleichgültigkeit gegen Verträge und bindende Versprechungen besetzt halten. Das jüdische Handwerk wird allerorten der Willkür der Polizei ausgeliefert und durch das Verbot der Gründung von Kreditgenossenschaften wirtschaftlich untergraben; die jüdische Industrie wird bekämpft, indem man ihr untersagt, ausserhalb des Ansiedelungsrayons Grund und Boden zur Anlegung von Fabriken zu erwerben. Es dürfen keine neuen Synagogen gegründet, ja keine privaten Andachten ausserhalb der bestehenden Gotteshäuser abgehalten werden. Um nicht die reine (!) Atmosphäre russischer Grossfürsten zu entweihen, schliesst man jüdische Leidende von den Krankenhäusern Moskaus und von den Luftkurorten der Krim aus. Man fügt also zu den Massregeln allgemeinen und grundsätzlichen Charakters die kleinlichsten und kränkendsten