Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-12-01 · Heft 12 (Dezember 1907) · p. Seite 775 - 776

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 12 (Dezember 1907)
Article
Die Sänger
Date
1907-12-01
Page
Seite 775 - 776 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583966-2589510--07828-2589597
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Hermann Menkes: Die Sänger. 776 WAGNER BUESTE EINER JUNGEN JÜED1N. Zum Artikel „Ausstellung jüdischer Künstler.") stand ein kleines, schon ergrautes Männchen von einem kleinen Chor umgeben und sang. Es war Jerichem, der'berühmte Vorbeter aus Odessa. Das Lied, das er sang, schwang sich empor feierlich und ergreifend und verlor sich dann in den dumpfen Klängen des Chors, tauchte wieder empor und siegte über all die Männerstimmen. In eine Ecke gedrückt standen Rüben und Löbl und lauschten. Rüben war wie erstarrt. Er fühlte sich von einem Mächtigen niedergeschlagen, überwunden, des letzten Glaubens beraubt. Noch nie hatte er diese Demut gefühlt, diese Scham über sich selbst, über seine Ohnmacht und Dürftigkeit. Er verarmte mit jedem Ton, den er erlauschte, und er empfand eine heftige Scham darüber, daß er es bisher gewagt, in Stolz und Siegesbewußtsein mit seinen jämmerlichen Gaben vor Gott und die Gemeinde hinzutreten. Und er glaubte nicht länger leben zu können, da ihm diese Erkenntnis geworden. Einmal seufzte er auf, und in seinem Innern war ein bitteres Weinen. Ganz unbemerkt hatte er sich fortgeschlichen. In der Kellerstube Löbls war er auf eine Bank gesunken und stöhnte. Löbl fand ihn so, als er nach Hause kam,'und begriff rasch, was in dem Einsamen vorging. Er ließ ihn wieder allein. Aber in der stillen Stube erhob sich zuerst scheu, leise und stockend, dann immerJheller eine zarte Kinderstimme. Es war der Knabe, der sang. Das Lied klang rührend und ohne Kummer, und Rüben weinte und weinte, aber er fühlte, daß er glücklich wurde, weil, wie es ihm schien, ein Kind mit ihm Erbarmen empfand. Er sank hin vor dem Knaben f und umfaßte ihn mit w s c h w eigsainen, h ä ß I i c 11 e n und unfreundlichen Mann empfand. Eines Tages geschah es, daß einer der berühmten Vorbeter aus Rußland ins Städtchen kam und sich an einem Sabbathtage in der Synagoge hören ließ. Das war allemal eine große k ü n s 11 er i s ch e B e geh e n he i t in der Judengemeinde. Ein Seelenloser ist so ein Sänger, ein Glück- und Gnadenbringer. Es war knapp vor Ostern, und eine warme, milde Sonne schien durch die hohen verstaubten Fenster der alten Synagoge mit ihren schon geschwärzten Wänden, ihrem steifen, verblichenen Sch muck. Dicht gedrängt aneinander standen und saßen Arm und Reich, Alt und Jung. JULES ADLER Auf dem Boulevard. OELGEMAELDE. Knapp vor der Gotteslade (Zum Artikel „Ausstellung jüdischer Künstler".)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.