Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1907)
- Article
- Die Sänger
- Date
- 1907-12-01
- Page
- Seite 773 - 774 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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J. KAUFMANN OELGEMAELDE. Am Versöhnungstag. (Zum Artikel „Ausstellung jüdischer Künstler".) ihm. Er hatte nie einen Feiertag, der doch dem armseligsten Leben das eine und andere Mal besehieden ist. Und doch gab es etwas, das an ihm nagte, einen Schmerz, der ihn erfüllte, eine Sehnsucht, die weit über sein dürftiges Leben hinausreichte, die ihn verzehrte. Dieser Mensch, der nicht von Glück wußte und der gegen alle Schönheit blind war, setzte sein ganzes Wünschen darein, als andachtsvoller Sänger seine Gemeinde in Ergriffenheit und Begeisterung und zu einer Achtung für sein Können zu bringen. Er war davon tief überzeugt, daß ihm eine göttliche Gabe verliehen war. Stand er vor der Gotteslade, so sammelte er all das, was in seiner Seele an Gottesfurcht, Ergebenheit und stillen Kummer aufgespart war, und da er selbst in diesen Momenten, trotz der Sprödigkeit seines Wesens, sich ergriffen fühlte, glaubte er, daß etwas von all dem auch in seinen Gesang fließe. Aber seine Stimme klang rauh und nahezu heiser, und er quälte sie immerzu durch vergebliche Anstrengungen, zwang sie zu einem Weinen, das nicht kam, zu einer Fröhlichkeit, die grotesk und komisch wirkte. Er hörte oft wie hinter seinem Rücken gelacht wurde, und mußte dann freundlichen oder boshaften Spott entgegennehmen, ohne sich recht wehren zu können. Sein Glaube an seinen Beruf verließ ihn nicht, aber der Kummer über ein Yerkanntsein und über die Mißachtimg, die ihm zuteil wurde, wuchs in ihm und machte ihn hart und böswillig. Nur einen gab es, der, wenn er auch nicht an ihn glaubte, nicht über ihn lachte, ja, mit ihm mitempfand: Löbl. Er wußte, was Versagen vor einem Mächtigen heißt und Demut und Hilflosigkeit, die einem armen Menschen die Worte verschlugen und qualvoll stammeln laßen. Sah Löbl, wie Ruhen rang und sich vergeblich mühte, so erinnerte er sich an die eigene Beängstigung, die ihn stets vor allem Überragenden, vor Gott, vor Menschen und allem Leben außerhalb seines kleinen Bezirkes stets überkam. In dieser Weise kam in ihm ein starkes Mitleid auf und ließ ihn Freundschaft für einen Verhöhnten empfinden. An den Feiertagen nach den Gebetsstunden nötigte er Rüben zu sich nach Hause, bewirtete ihn und schenkte ihm einige freundliche Worte, die nie durch lauten Dank belohnt wurden. Voll Trotz und verfinstert saß Rüben in der dunklen, unfreundlichen Stube da und klagte nicht. Niemals beachtete er den Knaben, der Angst vor dem